Finnland: Vorwärts zur Klimaneutralität

Die seit Juni regierende Fünf-Parteien-Koalition will bis 2029 aus der Kohle aussteigen und bis 2035 die CO2-Emissionen auf null bringen. Dafür muss Finnland mehrere Sektoren umbauen.


Rovaniemi
Rovaniemi am Polarkreis: Die "Heimatstadt des Weihnachtsmanns" braucht viel Heizenergie. (Foto: Gerald Zojer/​Wikimedia Commons)

Was in Deutschland als utopische Forderung von "Fridays for Future" gilt – Kohleausstieg bis 2030 und Klimaneutralität 2035 – ist in Finnland seit dem Sommer offizielle Regierungspolitik.

Die seit Anfang Juni regierende Fünf-Parteien-Koalition will bis 2029 aus der Kohle aussteigen und bis 2035 die CO2-Emissionen auf null bringen, letzteres zehn Jahre eher als die Vorgängerregierung.

Und das soll ohne Abstriche beim Lebensstandard geschehen. Die Finnen möchten ihr Land zur ersten "fossilfreien Wohlfahrtsgesellschaft der Welt" machen. Der damalige sozialdemokratische Premierminister Antti Rinne und die grüne Umweltministerin Krista Mikkonen sprachen vom "grünsten Staat" der Erde.

Im Dezember ist Rinne allerdings wegen eines Streits um die Post zurückgetreten, seine Nachfolgerin ist die bisherige Verkehrsministerin Sanna Marin, die am Koalitionskurs festhalten will. Auch die bisherige Umweltministerin Mikkonen gehört dem neuen Kabinett an, das seit dem 10. Dezember amtiert.

Nach Regierungsumbildung noch höhere Ziele

Die neue Regierung sattelt sogar noch einen drauf und will, wie es im aktuellen Regierungsprogramm heißt, den Klimaschutz in der EU langfristig so entwickeln, dass die EU schon vor 2050 die CO2-Neutralität erreichen kann. Finnland unterstützt deswegen auch das Ziel, dass die EU ihre Emissionen bis 2030 um mindestens 50 Prozent gegenüber 1990 reduziert.

Die Ziele, die sich Finnland selbst setzt, sind recht ehrgeizig, liegen doch die Pro-Kopf-Emissionen der 5,5 Millionen Finnen nur leicht unter dem deutschen Schnitt von neun Tonnen CO2 im Jahr. Und 2018 stiegen aufgrund eines höheren Verbrauchs von Gas und Torf die Treibhausgasemissionen des Landes um zwei Prozent.

Um das Null-Ziel 2035 zu erreichen, soll das geltende Klimaschutzgesetz bis Anfang 2021 reformiert werden. Zunächst gibt es dazu eine landesweite Bürgeranhörung, damit "niemand auf dem Weg zu einem klimaneutralen Finnland zurückbleibt", wie Ministerin Mikkonen sagt.

Einige der von der Regierung schon jetzt geplanten Schritte würden der hiesigen Ökostrombranche gefallen – wie die Senkung der Stromsteuer oder Steuererleichterungen für die unterentwickelte Windkraft auf See sowie für Stromspeicher.

Weitere Voraussetzungen für Klimaneutralität sind so schlecht nicht. So werden etwa zwei Drittel der Wohnungen und Gebäude – in einem nordischen Land ein wichtiger Posten – mit Fernwärme geheizt, die sich wiederum größtenteils aus erneuerbaren Quellen speist.

Konfliktträchtige Holz- und Torfnutzung

Wie mit dem Holzreichtum – dessen Wachsen als anrechenbare CO2-Senke beim Nullemissionsziel eingeplant ist – künftig umgegangen wird, darüber ist Streit vorprogrammiert. Angesichts des global steigenden Verpackungsbedarfs plant die Zellstoffindustrie mehrere neue Fabriken und entsprechende Abholzung in den Wäldern.

Umweltministerin Mikkonen ist skeptisch und hält es für unwahrscheinlich, dass alle neuen Zellstoff-Projekte Realität werden. Es gebe einfach nicht genug Bäume.

Wärme und Strom werden in Finnland aber auch noch in großem Umfang mit Torf erzeugt. Der Brennstoff ist klimaschädlicher als Kohle, nicht nur, weil im Vergleich mehr CO2 ausgestoßen wird. Sein Abbau schwächt auch die Fähigkeit des Bodens, das Treibhausgas zu speichern.

Vorangehen für Klimaschutz

Es bringt nichts, wenn ein Land allein vorangeht und die anderen dann umsonst von den Ergebnissen profitieren, heißt es immer wieder. Doch Vorreiterstaaten zeigen, dass das      momentan der effektivste Weg aus der Klimakrise ist – und vielleicht der einzige. Eine kleine Serie stellt sechs Beispiele vor.

Auf ein Ausstiegsdatum für die Torf-Verbrennung hat sich die Regierung bisher nicht festgelegt. Sie hofft, dass steigende Kosten im Emissionshandel den Torfeinsatz unrentabel werden lassen und dessen Verbrauch so bis 2030 um mindestens die Hälfte sinkt.

Wenig umstritten ist in Finnland die Atomkraft, die den Energiebedarf des Landes derzeit zu einem Sechstel deckt. Nach jahrelanger Verzögerung soll Anfang nächsten Jahres das an der finnischen Westküste liegende AKW Olkiluoto 3 mit einer Leistung von 1.600 Megawatt ans Netz gehen.

Das als links mit grünem Einschlag geltende Kabinett Marin befürwortet einen weiteren Ausbau bestehender Kernkraftwerke – ein Punkt, den deutsche Fridays-for-Future-Aktivisten sicher nicht als Klimaschutz bezeichnen würden.

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