Ein "Gesundheitsausweis" für Böden

Rund zwei Drittel der Flächen in der Europäischen Union sind in keinem guten Zustand. Die EU-Kommission will gegensteuern, auch um den Klimaschutz zu stärken. Heftige Debatten mit den Mitgliedsstaaten sind absehbar.


Rauchsäule über einem abgeernteten Feld.
Der Agrarsektor ist von der Bodenkrise stark betroffen – und gleichzeitig ein Hauptverursacher. (Foto: Christelle Prieur/​Pixabay)

Die Böden sind wichtig als Anbaufläche für Lebensmittel, Wasser- und CO2-Speicher, Temperaturregulator, Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Doch sie sind in Gefahr, weltweit – und auch in Europa.

Laut EU-Kommission befinden sich hier 70 Prozent der Böden in keinem guten Zustand – vor allem durch Überbauung, Erosion, Humusabbau, Verdichtung, Verschmutzung und schwindende Biodiversität. Brüssel will nun im Rahmen des "Green Deal" mit einer "europäischen Bodenstrategie" gegensteuern, deren Grundzüge in dieser Woche vorgestellt wurden.

Als Ursachen für den schlechten Zustand der Böden sieht die Kommission unter anderem eine nicht nachhaltige Landnutzung durch die Landwirtschaft, Flächenverluste durch Siedlungs- und Straßenbau sowie Übernutzung und Verschmutzung. Um gegenzusteuern, will sie bis 2023 neue Rechtsvorschriften für den Bodenschutz vorlegen, die EU-weit gelten sollen.

Kommissions-Vizepräsident Frans Timmermans sagte zur Begründung, der Boden spiele eine zentrale Rolle für die Sicherung der Ernährung in der EU, aber auch bei der Bekämpfung des Klimawandels. "Die dünne Schicht, auf der wir stehen, bildet die Basis für fast jedes Nahrungsmittel, das wir zu uns nehmen", so der Niederländer.

Gesetze erst 2023

Die Kommission will unter anderem Leitlinien für ein nachhaltiges Bodenmanagement in der Landwirtschaft entwickeln. Die Ziele einer Halbierung der Nährstoffverluste und von 20 Prozent weniger Düngung sollen rechtlich verbindlich vorgeschrieben werden, außerdem soll die Pflanzenschutzmittel-Richtlinie überarbeitet werden, um den Pestizideinsatz zu senken.

Weitere Ideen für den Agrarsektor sind, die EU-Mitgliedstaaten ein System kostenloser Bodenproben aufbauen zu lassen und für den Verkauf von Flächen einen "Gesundheitsausweis" vorzuschreiben, der entsprechende Indikatoren dokumentiert.

Zudem will die Kommission, dass der "Landfraß" durch Bebauung und sonstige Versiegelung bis 2050 auf netto null heruntergefahren wird. Zum Schutz von Mooren und zur Wiedervernässung trockengelegter Flächen soll es verbindliche Ziele geben. Der Moorschutz gilt als besonders wichtig, um die CO2-Speicherung für den Klimaschutz voranzubringen und Artenvielfalt zu sichern.

Konkrete Vorschläge für Gesetzestexte will die EU-Kommission allerdings erst 2023 vorlegen, wie Timmermans ankündigte. Absehbar ist, dass es über die Bodenstrategie heftige Debatten mit den Mitgliedsstaaten geben wird.

Bereits 2014 scheiterte ein Versuch der Behörde, eine europäische Bodenrahmenrichtlinie durchzusetzen. Sie musste die Entwürfe dafür zurückziehen, nachdem sie sich nicht gegen den Widerstand aus Deutschland und anderen Staaten hatte durchsetzen können. Timmermans unternimmt nun also einen neuen Anlauf.

Bauernverband sieht Problem woanders

Bei Agrarverbänden und Umweltschützern traf die Brüsseler Initiative auf konträre Reaktionen. Der Deutsche Bauernverband (DBV) lehnt sie ab. Argument: Ein weiteres EU-Regelwerk zum Bodenschutz bringe keine Vorteile, sondern nur Doppelregelungen und mehr Bürokratie.

Das größte Problem liegt laut DBV-Generalsekretär Bernhard Krüsken im Landfraß. Der Flächenverbrauch für Siedlungen, Gewerbe und Infrastruktur in Höhe von 56 Hektar pro Tag in Deutschland müsse gesenkt werden: "Landwirtschaftliche Flächen müssen für die Ernährungssicherung und den Klimaschutz erhalten und vor Versiegelung geschützt werden." Der EU fehle hierfür jedoch die Regelungskompetenz.

Die Umweltstiftung WWF hingegen begrüßte den Vorstoß. "Europas Böden verschwinden unter Beton oder verwehen im Wind. Anstatt Treibhausgase zu binden, setzen sie gerade Treibhausgase frei. Sie sind mit Schadstoffen belastet und verlieren an biologischer Vielfalt", sagte ihr Agrarexperte Michael Berger.

So sei es wichtig, dass die EU-Länder zur Berichterstattung über ihre Fortschritte bei der Bekämpfung der Flächenversiegelung verpflichtet werden sollen. Denn bisher hätten viele ihre Ziele nach Belieben in die Zukunft verschoben.

So habe Deutschland 2018 die Vorgabe, die Versiegelung auf unter 30 Hektar pro Tag zu drücken, kurzerhand von 2020 auf 2030 vertagt. Die künftige Bundesregierung müsse dieses Ziel ernsthafter verfolgen, forderte Berger.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

klimareporter° wird herausgegeben vom gemeinnützigen Klimawissen e.V. – Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich.

Spenden Sie hier