Die Axt im Karpaten-Wald

Ein Greenpeace-Report zeigt, wie die ursprüngliche Natur in der osteuropäischen Gebirgskette vernichtet wird. Selbst Schutzmaßnahmen können die Rodungen in den Karpaten nicht stoppen. Ein Teil des geschlagenen Holzes landet wahrscheinlich auch in Deutschland.


Urwald Rumänien
Die Karpaten bilden das größte noch bestehende, geschlossene Laubwaldgebiet in Europa. (Foto: Dan Câmpean/​Greenpeace Romania)

Die Gebirgskette der Karpaten ist ein Hotspot der biologischen Vielfalt in Europa. Sie stellt nach Skandinavien und der russischen Taiga das größte Gebiet des Kontinents dar, das noch mit Primär- und Urwäldern bewachsen ist. Satellitendaten zeigen laut einem Greenpeace-Report jedoch, dass die Wälder dort in einem alarmierenden Tempo abnehmen.

Die Abholzung finde auch in Nationalparks und EU-Schutzgebieten sowie in vielen ungeschützten alten Wäldern statt. Im Schnitt gingen dabei jede Stunde mehr als fünf Fußballfelder Wald an die Holzgewinnung verloren.

Der von der Umweltorganisation vorgelegte Bericht wurde im Vorfeld des UN-Biodiversitätsgipfels veröffentlicht, der im Dezember im kanadischen Montreal stattfindet. Dort soll ein neuer weltweiter Pakt zur Bekämpfung des Verlusts der biologischen Vielfalt beschlossen werden.

Greenpeace kritisiert, dass die EU ihre Ziele, die sie sich 2010 im Rahmen der UN-Konvention über die biologische Vielfalt (CBD) gesetzt hat, nicht erreicht hat. Die Situation in den Karpaten sei ein besonders drastisches Beispiel für das Versagen

Die Karpaten-Gebirgskette durchquert mehrere osteuropäische Länder, darunter Polen, die Slowakei, die Ukraine und Rumänien. Sie ist mit 1.500 Kilometern länger als die Alpen, ihre Breite beträgt 100 bis 350 Kilometer.

Aggressiver Holzeinschlag

Laut dem Report wird in den unterschiedlich geschützten Wäldern der Region ein aggressiver Holzeinschlag betrieben. In den vergangenen zwei Jahrzehnten seien mehr als 7.350 Quadratkilometer Waldfläche verloren gegangen. Das entspricht fast der dreifachen Fläche des Saarlandes. 

In früheren Jahrzehnten wurde in den Karpaten nur wenig Holz geschlagen. Grund: Die Gebirgstäler sind stark zerklüftet, das Gelände war lange nur schwer zugänglich. Doch inzwischen wurden und werden Forststraßen gebaut, um Bäume auch in entlegenen Gebieten fällen zu können.

Greenpeace hat hochgerechnet, dass bei ungebremster Abholzung bis 2050 fast 20 Prozent des Karpaten-Waldes verschwunden sein werden, die es im Jahr 2000 noch gab. Dies müsse verhindert werden. Die jetzt noch vorhandenen Naturwälder speicherten enorme Mengen an Kohlendioxid und böten den Menschen in der Region Schutz vor Überschwemmungen, Dürren und anderen extremen Wettereinflüssen.

Derzeit sind laut der Umweltorganisation nur drei Prozent der Karpatenwälder komplett vor Abholzung und dem Bau neuer Straßen geschützt.

"Die Karpaten sollten zu den am besten geschützten Regionen in Europa gehören, doch die Realität zeigt das Gegenteil", sagte der polnische Greenpeace-Experte Robert Cyglicki, einer der Autoren des Berichts. Bislang hätten die meisten Schutzmaßnahmen die beschleunigte Zerstörung nicht aufhalten können.

Wolle die EU ihr Ziel aus der Biodiversitätsstrategie, bis 2030 zehn Prozent der Land- und Wasserflächen streng zu schützen, wirklich erreichen, so Cyglicki, dann müsse sie dies vor allem in Regionen wie den Karpaten tun, die eine "der letzten verbleibenden Bastionen wilder Natur" seien. 

"Auch in deutschen Baumärkten"

Greenpeace forderte die EU-Kommission und die nationalen Behörden in der Region auf, einen länderübergreifenden Aktionsplan zu entwickeln und EU-Mittel für die Realisierung bereitzustellen. Flankierend brauche es ein sofortiges Verbot des Holzeinschlags in den Karpatenwäldern sowie ein zehnjähriges Moratorium für neue Forststraßen, um Zeit für die Umsetzung des Plans zu gewinnen.

Ein Teil des Karpaten-Holzes gelangt wahrscheinlich auch nach Deutschland. "Es ist damit zu rechnen, dass Holz aus schützenswerten Wäldern in den Karpaten bei uns in Deutschland landet", sagte Greenpeace-Campaignerin Gesche Jürgens auf Nachfrage. Das geschehe entweder durch Direktimporte oder über österreichische Unternehmen, die große Mengen Holz vor allem aus Rumänien beziehen.

"Da vielfach nicht nachzuvollziehen ist, woher das Holz wirklich kommt, können sich Kund:innen in Baumärkten und Möbelhäusern unwissentlich an der Waldzerstörung mitschuldig machen", meinte Jürgens. Die Produkte seien dort nur selten genau gekennzeichnet, teilweise sei sogar die Holzart falsch angegeben.

Große Hoffnung setzt Greenpeace in die von der EU geplante Lieferketten-Verordnung, die Kahlschlag und nicht nachhaltige Forstwirtschaft ausschließt. "Je nachdem, wie streng die finale Version ausfällt, kann sie einen wirklichen Unterschied für Wälder machen", sagte Jürgens.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

klimareporter° wird herausgegeben vom gemeinnützigen Klimawissen e.V. – Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich.

Spenden Sie hier