Der "französische Patient" – wie krank er wirklich ist und wie Europa die Energiekrisen lindert

Die Stromlücke, die Frankreich gerissen hat, konnte das europäische Stromsystem bisher schließen – eine gigantische Leistung, bezahlt aber auch mit hohen Strompreisen und mehr Fossilstrom. Europa stützt Frankreich mit Strom, so wie es Deutschland mit Gas stützt. Eine Analyse zeigt, wie das genau funktioniert.


Mehrere Hochspannungsmaste auf einem Feld bei heiterem Himmel, am Horizont ein Kraftwerk.
Strom aus dem europäischen Netz hat Frankreich vor einer schweren Energiekrise bewahrt. (Foto: Huang Zheng/​Shutterstock)

Sicherheitsprobleme, Kühlwassermangel, Streiks: Die Produktionsausfälle französischer Atomkraftwerke sorgten in letzter Zeit für reichlich negative Schlagzeilen.

Und tatsächlich wirken sie sich in der Summe erheblich aus, nicht nur auf das Stromsystem in Frankreich, sondern auf ganz Europa.

Denn in den ersten elf Monaten dieses Jahres haben französische Atomkraftwerke 80 Terawattstunden Strom weniger erzeugt als im selben Zeitraum des Vorjahres. Der Gesamtverbrauch in Frankreich sank dabei um knapp 18 Terawattstunden oder etwa vier Prozent.

Weitere Änderungen in der französischen Erzeugungsbilanz – weniger Wasserkraft, mehr Strom aus Gas und Sonne sowie anderen kleineren Quellen – gleichen sich aus.

Im Ergebnis ist 2022 die französische Handelsbilanz für Strom gekippt. Von Januar bis November 2021 hatte Frankreich noch 46,5 Terawattstunden Strom netto exportiert, vor allem nach Italien, entweder direkt oder über die Schweiz, sowie nach Großbritannien.

In diesem Jahr hat Frankreich bis Ende November 14,6 Terawattstunden importiert. Insgesamt gab es also einen gigantischen "Switch" um 61 Terawattstunden vom Stromexporteur zum -importeur.

Europakarte: Frankreich wurde vom Stromexportland zum Importland, bei Spanien war es umgekehrt.
Gigantische Verschiebungen: Ex- und Importe von Strom in den ersten elf Monaten 2022 (hellgrün) und im gleichen Zeitraum 2021 (dunkelgrün). (Grafik: Tim Meyer, Daten: Energy Charts/​Entso‑E)

Entsprechend sind die europäischen Nachbarn eingesprungen. Am stärksten fuhr Spanien seine Erzeugung hoch – von Januar bis November 2022 allein um zehn Terawattstunden aus Gasverstromung und 4,5 Terawattstunden aus Solarenergie, immer gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Spanien wurde dabei von einem Importeur zum Exporteur von Strom, die Handelsbilanz änderte sich um 20,8 Terawattstunden. Der Großteil dieser Änderung geschah mit 15,2 Terawattstunden gegenüber Frankreich, von zuvor gut sieben Terawattstunden Import aus Frankreich zu knapp acht Terawattstunden Export.

Zusätzlich entlastet wurde Frankreich durch die Umkehr der Handelsströme nach Großbritannien sowie durch gesteigerten Stromtransit über Belgien und reduzierten Transit über die Schweiz.

Deutschland hat 2022 bis Ende November bereits knapp neun Terawattstunden mehr nach Frankreich geliefert als im gleichen Vorjahreszeitraum.

Der zusätzliche Strom kam praktisch aus Braunkohle

Wie wirken sich diese Verschiebungen auf den klimapolitisch wichtigen Strommix der Länder aus?

In Spanien erhöhte sich der Anteil von fossilem Gas an der Stromerzeugung um neun Prozentpunkte. In Italien legte der Anteil des Gasstroms um vier Prozentpunkte auf jetzt knapp 48 Prozent an der Gesamterzeugung zu.

Beides geht klar in die falsche Richtung. In anderen europäischen Ländern änderten sich die Anteile der fossilen Stromerzeugung im Strommix bislang nur geringfügig.

Tim Meyer

hat Elektro­technik studiert und am Fraunhofer-Institut für Solare Energie­systeme (ISE) promoviert. Nach Tätigkeiten in der Fraunhofer-Gesellschaft, der Industrie und als Gründer im Solar­strom­markt war er zuletzt Vorstand bei der Natur­strom AG. Heute ist er als Berater und Interims­manager für Energie­unter­nehmen tätig.

In Deutschland neigte sich allerdings der Brennstoffmix leider zur Braunkohle hin. In den ersten elf Monaten des Jahres sind bei uns über acht Terawattstunden mehr Strom aus Braunkohle erzeugt worden. Das entspricht ungefähr der Exportsteigerung nach Frankreich.

Auch hier gilt also: Ohne den Stützungsbedarf für den französischen Nachbarn hätten wir in Deutschland – und in Europa insgesamt – weniger fossilen Strom im System.

Auch für die Entwicklung der Strompreise im kommenden Jahr bleibt es entscheidend, dass Frankreich die Probleme mit seinen Atomkraftwerken in den Griff bekommt. Allerdings wurde die für Ende November geplante Wiederinbetriebnahme von drei AKW um weitere Wochen verschoben.

Für die Strompreise wäre es gut, wenn dies die letzte Verschiebung war – auch wenn der französische Plan, noch stärker auf Atomkraft statt auf erneuerbare Energien zu setzen, nicht nachvollziehbar ist.

Beim Gas heißt der Patient Deutschland

Fazit: Die Erzeugungs- und Handelsdaten für Strom in Europa zeigen die gigantischen Größenordnungen des Mengenausfalls in Frankreich und der ausgelösten Verschiebungen von Import- und Exportmengen.

Es ist beeindruckend, dass das europäische Stromsystem einen solchen Schlag zusätzlich zur Gaskrise überhaupt verarbeiten kann. Der Ausbau der Übertragungsnetze und Grenzkoppelstellen in den letzten Jahrzehnten war gut investiertes Geld.

 

Umgekehrt ist es ebenso beeindruckend, wie das europäische System und die europäischen Partnerländer Deutschland dabei unterstützen, den Wegfall von russischem Erdgas zu kompensieren.

Denn bevor der Eindruck entsteht, wir Deutschen würden hier ein "Blame Game" gegenüber Frankreich spielen: Bei der Gaskrise ist das Bild umgekehrt.

Hier ist Deutschland ein Kern des europäischen Problems durch seinen jahrzehntelangen, sehr blauäugigen Aufbau einer systemischen Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen. Laut Eurostat stammten 2020 noch 66 Prozent der deutschen Erdgasimporte aus Russland. Im europäischen Schnitt betrug dieser Anteil 46 und in Frankreich nur 21 Prozent.

Neben konsequentem Handeln bei uns ist es also die Hilfe der europäischen Nachbarländer, die uns durch die Gaskrise bringt.

Kurzum: Europa und die europäische Solidarität funktionieren oft besser, als ihr Ruf vermuten ließe.

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