"CO₂-Rückholung ist kein Thema, mit dem man Wahlen gewinnt"

Beim Ziel der Klimaneutralität darf Europa nicht stehenbleiben, sondern muss anschließend versuchen, ins Minus zu gelangen: Die EU und Deutschland werden irgendwann über ein CO2-Minderungsziel für 2060 diskutieren, das über 100 Prozent liegt, ist sich Oliver Geden von der Stiftung Wissenschaft und Politik sicher. Teil 2 des Interviews.


Zwei Schiffe auf dem Meer vor einer Gasplattform
Forschungsschiff des Kieler Helmholtz-Zentrums: CO2-Speicherung unter der Nordsee ist bereits Realität. (Foto: Peter Linke/​GEOMAR)

Klimareporter°: Herr Geden, wir sprachen über CO2-Rückholtechnologien. Voraussetzung für deren großskaligen Einsatz wären aber wohl passende politische Rahmenbedingungen. In den meisten Klimaszenarien, die von der Einhaltung der Paris-Ziele ausgehen, sind negative Emissionen längst einkalkuliert, oft in erheblichen Mengen. Trägt irgendein Staat dem in seiner Klimaagenda schon Rechnung? Gibt es spezielle politische Strategien, wie negative Emissionen in den Weg zur Treibhausgasneutralität einzubauen sind?

Oliver Geden: Nein, das gibt es noch nirgendwo. Die zwei Länder, die in dieser Hinsicht meiner Einschätzung nach am weitesten sind, sind Großbritannien und Schweden, beides Staaten, die sich auch relativ früh eigene Klimaneutralitätsziele gesetzt haben.

Das Besondere in Schweden ist, dass es dort sehr viele Industriebetriebe gibt, die mit in Biomasse gebundenem CO2 zu tun haben, zum Beispiel Zellstofffabriken. Sie lassen sich gut mit CCS kombinieren, um negative Emissionen zu kreieren. Sowohl die Schweden als auch die Briten haben zudem schon sehr viel länger Forschungsprogramme zum Thema CO2-Rückholung.

In Deutschland hat das Bundesforschungsministerium erst vor Kurzem größere Forschungsprogramme zum sogenannten Carbon Dioxide Removal aufgelegt. Eine politische Debatte läuft dagegen immer noch nicht, und eine regulatorische erst recht nicht.

Auch nicht auf EU-Ebene?

Nicht wirklich konsequent. Im europäischen Klimaschutzgesetz und in den EU-Kalkulationen tauchen negative Emissionen zwar auf. Aber dort wird im Wesentlichen auf biologische Senken wie Aufforstung gesetzt, wo es bislang auch schon Erfolge gibt, die aber bisher beim Erreichen der Klimaziele nicht angerechnet wurden. Die Leistung dieser Senken geht derzeit aber eher zurück und unterliegt generell so starken Schwankungen, dass manche wissenschaftlichen Studien inzwischen sogar nur noch die technologischen Ansätze für valide halten.

Und die kommen in den EU-Plänen nicht vor?

Doch, im europäischen Klimagesetz wird beides genannt, "natürliche" und "technologische" Senken. Aber damit sich die Mitgliedsländer technologische Methoden bei ihren CO2-Einsparungen anrechnen lassen können, muss man zunächst genau festlegen, nach welchen Regeln das vonstattengehen soll.

Ein solches Zertifizierungssystem will die EU-Kommission nun bis 2023 entwickeln. Welche Anreiz-Mechanismen die Kommission anschließend vorschlagen wird, ist noch nicht klar. Das heißt, wir haben bislang quasi keine Senken-Politik.

Warum hinkt die Politik so hinterher? Die Szenarien mit negativen Emissionen in den Berichten des Weltklimarats IPCC sind doch seit Jahren bekannt.

Dass der IPCC damit rechnet, hat die Politik lange nur als unbedeutendes Detail gesehen. Und CO2-Rückholung ist kein Thema, mit dem man Wahlen gewinnt. In dem Moment, in dem Politiker ein Netto-Null-Ziel für Emissionen beschlossen haben, trägt die CO2-Rückholung aber zur Lösung eines klimapolitischen Problems bei, den Ausgleich der Restemissionen. Diese Einsicht scheint allerdings nur allmählich durchzusickern.

Ziehen die EU-Länder beim Umgang mit negativen Emissionen an einem Strang?

Um das zu beurteilen, muss man sich bewusst machen, dass lediglich ein Klimaneutralitätsziel für die gesamte EU beschlossen wurde. Länder wie Polen haben sich dagegen gewehrt, im Klimagesetz festzuschreiben, dass auch jeder Mitgliedsstaat für sich genommen bis 2050 klimaneutral werden muss.

Daraus könnte sich irgendwann ergeben, dass einige Länder 2050 schon eine Netto-Negativ-Bilanz aufweisen, während andere noch Restemissionen haben, und zwar sehr viel mehr Restemissionen, als sie selber durch CO2-Senken wettmachen können.

Und dann sollen die Vorreiter für die Nachzügler einspringen?

Das wäre dann Verhandlungssache, es müsste politisch so vereinbart werden. Klar ist aber, dass es Länder gibt wie Finnland oder Schweden, die im Verhältnis zu ihrer Bevölkerung so viel Wald haben, dass es ihnen leichter fällt, unter null zu gehen, als andere. Wenn man ihnen diese Senken voll anrechnen würde, dann wären sie tatsächlich bald im Negativen und könnten in gewissen Grenzen für andere einspringen.

Für Länder mit viel Kohlekraft wie Polen beispielsweise ...

Es geht nicht nur um Polen, denn um 2050 herum wird die Kohle im Stromsektor vermutlich keine große Rolle mehr spielen. Es geht eher um Länder mit hohem landwirtschaftlichen Treibhausgas-Ausstoß. In Irland etwa kommt ein Drittel der Emissionen aus dem Agrarsektor. Und ich sehe nicht, wie die Iren auf netto null kommen wollen, wenn sie diesen Wirtschaftszweig nicht komplett umbauen, wozu ich keine Bereitschaft erkennen kann.

Droht die Aussicht auf negative Emissionen den Klimaschutz also auszubremsen, weil sich einige immer darauf zurückziehen können, den CO2-Spar-Überschuss der anderen aufzubrauchen?

Porträtaufnahme von Oliver Geden.
Foto: MPI-M

Oliver Geden

ist Sozialwissenschaftler und Leitautor für den Sechsten Sach­stands­bericht des Welt­klima­rates IPCC. Er forscht bei der Stiftung Wissen­schaft und Politik (SWP) in Berlin. Dort leitete er fünf Jahre die Forschungsgruppe Europa.

Das ist die Gefahr. Ich glaube, das Europäische Parlament hatte unter anderem diesen Punkt im Blick, als es für nationale Null-Ziele bis 2050 für alle eintrat. Wie die EU damit künftig umgeht, hängt davon ab, welches regulatorische System sie sich gibt.

Es kann schon passieren, dass Länder wie Irland dann sagen: "Lasst uns doch einfach einen Markt kreieren, bei dem wir schwedische Wald-CO2-Zertifikate kaufen können, und damit gleichen wir unsere Landwirtschaftsemissionen aus." Bis zu einem gewissen Level ist dieses Vorgehen vielleicht auch legitim.

Aber wenn man das nicht sehr genau reguliert, wird es vermutlich dazu führen, dass sich die problematischen Sektoren in Sicherheit wiegen und davon ausgehen, dass sie nicht viel ändern müssen, solange irgendjemand auf der anderen Seite die CO2-Rückholung organisiert.

Wenn Sie schon innerhalb der EU diese Gefahr sehen, wie wird die Debatte dann weltweit verlaufen? Wäre es nicht naheliegend, dass sich etwa Schwellenländer darauf verlassen, dass die Industriestaaten genug CO2 für alle aus der Atmosphäre holen? Nach dem Motto: Ihr wart die Hauptverschmutzer, jetzt müsst ihr das auch wieder in Ordnung bringen.

Ja, diese Diskussion ist jetzt erstmals aufgeflackert. Bislang haben die Schwellenländer immer gesagt, dass sie an diese angeblichen Wundermittel nicht glauben. Aber seit neuerdings weltweit so viel von Netto-Null-Zielen und Klimaneutralität die Rede ist, sehen sich auch die Schwellenländer mit der Frage konfrontiert, wann sie dieses Ziel erreichen werden.

Indien hat vor wenigen Wochen zu Protokoll gegeben, es sehe sich überhaupt nicht in der Position, jetzt schon ein Netto-Null-Jahr bestimmen zu müssen, vielmehr seien die alten Industrieländer aufgrund ihrer historischen Verantwortung verpflichtet, netto negativ zu werden. Das war das erste Mal, dass diese Art von Verrechnung vorgenommen wurde.

Damit umzugehen wird schwierig, weil es global wohl kein gemeinsames regulatorisches System geben wird wie in der EU, mit dem sich eine faire Lastenteilung koordinieren ließe.

Wäre es – zumindest für die EU – sinnvoll, ein Grenzdatum festzulegen, an dem alle bei null angekommen sein müssen, auch die Nachzügler?

Genau das haben wir in einer Studie zur gezielten CO2-Entnahme aus der Atmosphäre kürzlich vorgeschlagen. Danach sollte keinem EU-Staat zugestanden werden, mehr als zehn bis fünfzehn Jahre später als der Durchschnitt auf netto null zukommen. Außerdem wäre es richtig, dabei nicht stehenzubleiben, sondern anschließend zu versuchen, ins Minus zu gelangen.

Das steht jetzt sowohl im europäischen als auch im deutschen Klimagesetz, allerdings noch ohne konkrete Zielwerte. Aber wenn alles nach Plan läuft, werden die EU und Deutschland irgendwann über ein Minderungsziel für 2060 diskutieren, das über 100 Prozent liegt.

Sie gehen also davon aus, dass man die Restemissionen tatsächlich verlässlich durch irgendwelche CO2-Auffangmaßnahmen kompensieren oder sogar überkompensieren kann?

Nach dem Stand der Forschung kann ich mir das vorstellen, aber nur mit geologischen Speichermethoden. Das muss nicht CCS sein, auch die beschleunigte Verwitterung oder Pflanzenkohle kann zum Einsatz kommen.

Die rein biologischen Methoden schneiden bei der Dauer und der Menge des gespeicherten CO2 meist nicht so gut ab, auch wenn sie häufiger mit einem Zusatznutzen in anderen Bereichen einhergehen, zum Beispiel für die Biodiversität.

Gibt es denn schon CCS-Versuchsprojekte, die nachgewiesen haben, dass das Kohlendioxid dauerhaft unter der Erde bleibt, wenn man es in unterirdische Gesteinsreservoire pumpt?

Aus den Projekten, die bereits kommerziell betrieben werden, sind keine Probleme mit Leckagen bekannt. Allerdings sind diese Speicher alle nicht alt genug, um zu prüfen, ob das Gas 1.000 Jahre und länger dort unten bleibt. Der Stand der Forschung ist jedoch, dass die geologische Speicherung wesentlich verlässlicher ist als die biologische.

In Deutschland stößt CCS allerdings bislang auf wenig Gegenliebe. Das einzige Pilotprojekt hierzulande – ein unterirdischer Speicher im brandenburgischen Ketzin – wurde eingestellt, weil die Bevölkerung dagegen war. Sehen Sie eine Chance, dass die Wegsperr-Technik irgendwann mehr Akzeptanz finden kann?

Das weiß heute keiner. Die Ablehnung hat ja zwei Ursachen. Zum einen halten viele die Speicherung für unsicher, zumal in besiedelten Gebieten. Zum anderen war während der letzten deutschen CCS-Debatte klar, dass es politisch darum ging, CO2 aus der Kohleverstromung zu lagern und damit eine Verlängerung der Kohlekraftwerks-Laufzeiten zu ermöglichen.

Wenn man CO2 nun aus einem anderen Grund speichern will, nämlich um netto null oder sogar netto negative Emissionen zu erreichen, könnten Teile der Bevölkerung den Sinn vielleicht eher erkennen. Allerdings vermute ich, dass diejenigen, die neben so einer potenziellen Lagerstätte wohnen, trotzdem dagegen sein werden – ähnlich, wie viele Menschen zwar einsehen, dass wir mehr erneuerbare Energien brauchen, dann aber trotzdem keinen Windpark oder keine Stromleitung in ihrer Nähe haben wollen.

Am realistischsten scheint mir, das CO2 in Deutschland nicht unter Land, sondern unterhalb des Nordseebodens zu speichern. Oder es nach Norwegen zu transportieren. Dort gibt es große, relativ gut erprobte Lagerstätten.

Für den Fall, dass das alles nicht funktioniert: Sehen Sie irgendwelche Alternativen zur CO2-Rückholung, um Klimaneutralität zu erreichen?

Die Alternative ist immer, nicht zu emittieren und sich bei jedem Prozess zu fragen: Können wir auch ohne Treibhausgas-Ausstoß auskommen? Wie können wir das Verfahren entsprechend modifizieren?

Bis vor einigen Jahren ging man davon aus, eine weitgehend CO2-freie Stahlproduktion sei nur mit CCS möglich. Inzwischen weiß man, dass es mithilfe von Wasserstoff auch anders geht. Insofern ist die Zukunft immer offen.

Wenn wir aber nicht nur klimaneutral werden wollen, sondern netto negativ, dann wird es auf keinen Fall reichen, etwas nicht zu tun, also Emissionsquellen zu schließen. Dann müssen wir definitiv Senken aufbauen. Dazu braucht es noch viel Innovation.

Das klingt ein bisschen, als müsse man auf künftige Wundertechnologien hoffen.

Ja, das Risiko besteht, dass man sich zu sehr auf technische Lösungen in der Zukunft verlässt.

Was wäre denn aus Ihrer Sicht der ideale Weg, den man jetzt einschlagen müsste?

Der ideale Weg besteht aktuell darin, so schnell und so weit wie möglich Emissionen zu reduzieren und Senken auszubauen.

Und damit beide Ansätze nicht durcheinandergeraten, sollte man das Netto-Null-Ziel in zwei Teile aufspalten: einen Zielwert für die Minderung der Emissionen und einen Zielwert für die Menge an CO2, das aus der Atmosphäre geholt werden soll. Dann können die Erfolge beim Senken-Ausbau nicht auf Kosten der Emissionsreduktionen gehen.

Und in welchen Anteil sollen diese beiden Wege jeweils am Gesamtziel netto null haben?

Das wäre politisch auszuhandeln. Ich fände es naheliegend, wenn das Verhältnis nicht schlechter als 90:10 wäre, wenn also mindestens 90 Prozent durch Emissionsminderung und höchstens zehn Prozent durch CO2-Entnahme zustande kämen.

Wir hätten dann ein ambitioniertes Reduktionsziel und würden überdies noch gezielt CO2-Rückholung betreiben. Und wenn wir auf beiden Seiten übererfüllen, sind wir schneller bei netto null und anschließend tiefer im Netto-Negativen.

Sind Sie optimistisch, dass das klappt?

Netto null bedeutet 100 Prozent Reduktion der Emissionen im Vergleich zu 1990. In den letzten 31 Jahren haben wir – den Corona-Effekt mal rausgerechnet – etwa 40 Prozent geschafft, inklusive Zusammenbruch der DDR-Industrie. Und in den kommenden 24 Jahren sollen wir jetzt plötzlich die restlichen 60 Prozent schaffen?

Sagen wir mal so: Ich denke, dass netto null Emissionen in Deutschland möglich sind, aber ich bin gespannt, ob es wirklich so schnell gehen wird.

Lesen Sie hier Teil 1 des Interviews: "Natürliche CO2-Speicher sind zu unsicher"

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