"Carbon Farming verspricht mehr, als es hält"

Europas Agrarpolitik versagt bislang beim Klimaschutz. Nun treibt die EU mit dem sogenannten Carbon Farming einen neuen Ansatz voran: Landwirt:innen sollen künftig Geld bekommen, wenn sie mehr CO2 in ihren Böden speichern. Fachleute halten das für problematisch.


Ein Traktor fährt über ein Feld
Äcker sind in den Fokus der EU-Klimapolitik geraten. (Foto/​Ausschnitt: Herbert Bieser/​Pixabay)

Den Begriff muss man sich merken. Carbon Farming ist derzeit das ganz große Ding, wenn in Brüssel, Paris und anderswo in Europa darüber nachgedacht wird, wie es mit der EU-Agrarpolitik weitergehen soll, damit auch in der Landwirtschaft bis 2050 Klimaneutralität erreicht werden kann.

In Straßburg sitzen gerade die EU-Agrarminister:innen zusammen, um auf Einladung der aktuellen französischen Ratspräsidentschaft über Carbon Farming zu beraten. Frankreich hat das Thema zu einer seiner Prioritäten im Bereich der Landwirtschaft erklärt.

Schon im Januar gab es dazu ein Treffen in Brüssel, bei dem die Fachminister:innen die Pläne der EU-Kommission zur Förderung von Carbon Farming begrüßten. Deutschlands grüner Landwirtschaftsminister Cem Özdemir sprach nach Medienberichten von einer "Riesenchance". 

Im vergangenen Dezember hatte die EU-Kommission ein umfangreiches Papier vorgelegt, das Carbon Farming als zentralen Teil der mit dem "Green Deal" geplanten "europäischen Bodenstrategie" bezeichnet. Kurz zuvor veröffentlichte der Umweltausschuss des EU-Parlaments eine Studie, die Carbon Farming als vielversprechende Möglichkeit beschreibt, die Landwirtschaft "fit for 2030" zu machen.

Die Begeisterung kommt nicht von ungefähr. Denn in Sachen Klimaschutz steht Europas Agrarpolitik miserabel da.

Wie ein Sonderbericht des EU-Rechnungshofs im vergangenen Jahr zeigte, ist bei den Treibhausgasemissionen in der Landschaft seit 2010 "keine wesentliche Veränderung" zu beobachten. Und das, obwohl gut ein Viertel des Gesamtbudgets der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) für die Eindämmung des Klimawandels und die Anpassung an seine Folgen bereitgestellt wurde. Damit fließt, wie die Prüfer:innen betonen, die Hälfte der Klimaschutzausgaben der EU in die Landwirtschaft – ohne dass die Emissionen zurückgehen.

Dazu kommt ein weiteres Problem, das die EU-Kommission in dem erwähnten Papier vom Dezember selber einräumt: Die Menge an Kohlendioxid, die Europas Wälder binden, nimmt seit rund zehn Jahren ab. Diese Senkenleistung wird aber in Zukunft sehr dringend gebraucht, damit es eine halbwegs realistische Chance gibt, zur Jahrhundertmitte tatsächlich wie geplant bei netto null Emissionen zu landen (und man etwaige Rest-Emissionen dann durch Senken ausgleichen kann).

Aufforstung ist eine Möglichkeit, um mehr Kohlenstoff zu binden – darauf zielt die EU-Forststrategie. Oder aber man sorgt dafür, dass im Boden mehr CO2 gespeichert wird – durch Carbon Farming, als wichtiges Werkzeug im Rahmen der geplanten EU-Bodenstrategie.

"Besonders unsicher und kompliziert"

Dafür gibt es eine ganze Palette von Möglichkeiten, die Landwirt:innen einsetzen können: Agroforstwirtschaft, Zwischenfruchtanbau, vielfältige Fruchtfolgen, ökologischen Landbau, Blühstreifen oder auch das Anheben des Grundwasserspiegels auf bewirtschafteten Moorböden.

Zudem würden sich so, wie die EU-Kommission betont, weitere Benefits ergeben, von einer besseren Luft- und Wasserqualität über weniger Erosion und Versalzung bis hin zu mehr Biodiversität.

Die Idee ist nun, dass man Landwirt:innen für diesen "Klimadienst" belohnt. Entweder über die EU-Agrarsubventionen, über eine staatliche Förderung oder durch Zertifikate auf einem freiwilligen CO2-Markt. Verglichen mit der derzeitigen Förderpraxis, die Gelder vor allem nach Fläche und ohne Klima- oder Umweltnutzen verteilt, sieht dies nach einem großen Fortschritt aus, nach der "Riesenchance", von der Minister Özdemir sprach.

Aber eben nur auf dem Papier. "Carbon Farming verspricht als Begriff mehr, als es hält", sagt der Agrarökonom Sebastian Lakner von der Universität Rostock. Für ihn ist diese Art, die Klimabilanz der Landwirtschaft und des gesamten Landnutzungssektors verbessern zu wollen, "besonders unsicher, kompliziert und förderpolitisch fragwürdig".

Zum einen sei es sehr kompliziert und aufwendig zu ermitteln, wie viel Kohlenstoff durch Carbon Farming zusätzlich gespeichert wird. Bei den sehr unterschiedlichen Bodentypen in Deutschland und in Europa müsste man sich die Mühe machen, die Menge jeweils individuell zu ermitteln – eine kaum zu leistende Aufgabe.

Wenn Messungen so schwierig und zudem fehleranfällig sind, kann das Vertrauen in das Instrument auch schnell schwinden. "Variierende Kohlenstoff-Einsparungen je Hektar und komplexe Messmethoden könnten die Glaubwürdigkeit von freiwilligen CO2-Zertifikaten untergraben", warnt Lakner.

Zum anderen verweist der Agrar- und Umweltwissenschaftler auf das Problem der Unbeständigkeit. Genauso wie neu aufgeforstete Wälder durch einen Brand in Rauch aufgehen können, bei dem das zuvor gebundene Kohlendioxid wieder freigesetzt wird, genauso kann auch bei Böden ein positiver Klimaeffekt schnell wieder zunichtegemacht werden.

"Selbst wenn es möglich wäre, über mehrere Jahre den Aufbau von Humus zu fördern und damit die Bindung von Kohlenstoff im Boden zu erhöhen", sagt Lakner, "so reichen einige wenige Anbaufehler in einem einzelnen Jahr aus, dass der Humus wieder abgebaut und der so gespeicherte Kohlenstoff wieder freigesetzt wird."

Neue Dauersubvention für Selbstverständliches?

Das sieht auch die Kieler Bodenkundlerin Sandra Spielvogel so. "Böden sind keine unendlichen Kohlenstoffspeicher", sagt sie. "Um klimawirksam Kohlenstoff im Boden zu speichern, muss zusätzlicher Kohlenstoff in den Boden gelangen – zum Beispiel über den Verbleib von mehr Biomasse auf den Flächen – und dort langfristig gebunden werden."

Werde dagegen nur organischer Dünger von anderen Flächen transferiert, so handele es sich um eine reine Umverteilung, aber nicht um eine zusätzliche Kohlenstoff-Speicherung. Probleme sieht Spielvogel "ganz praktisch in der Verstetigung der Maßnahmen beziehungsweise im Humuserhalt nach Ablauf der entsprechenden Förderung".

Damit ein positiver Klimaeffekt dauerhaft sichergestellt werden kann, müssten die Landwirt:innen sich sehr langfristig verpflichten, die Bewirtschaftung der geförderten Flächen umzustellen. Würde man eine Förderung von Carbon Farming einführen, bedeutet das: Man kann eigentlich nicht mehr damit aufhören – die Subventionierung müsste endlos weitergehen.

Für die Bodenexpertin ergibt sich zudem ein Gerechtigkeitsproblem. Der Effekt, der mit Carbon Farming erzielt werden kann, ist umso größer, je stärker der Boden zu Beginn der Maßnahme an Kohlenstoff verarmt ist. "Diejenigen, die ihre Flächen schon seit Jahren nachhaltig und humusschonend bewirtschaften, würden von einer solchen Förderung somit am wenigsten profitieren."

Sebastian Lakner nennt noch einen weiteren Kritikpunkt, der den Carbon-Farming-Ansatz für ihn zu einer "abwegigen" Idee macht. "Landwirtschaftliche Betriebe sind durch das Bodenschutzgesetz zum Humuserhalt verpflichtet und sollten ein eigenes ökonomisches Interesse haben, den Humus-Anteil ihrer Böden zu erhöhen", sagt er.

Würde man nun über Carbon Farming eine neue Subvention einführen, "würde ein Ziel gefördert, das eigentlich gesetzlich vorgeschrieben ist und das Betriebe, wenn sie vernünftig wirtschaften, ohnehin selbst erreichen wollen". Eine breit angelegte Förderung wäre somit weder besonders zielführend noch effizient.

Wie die EU-Kommission daraus ein "Geschäftsmodell für gesündere Ökosysteme" machen will, wie sie es in ihrem Papier nennt – das bleibt unklar.

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