Eine große Holzhütte auf einer völlig verschneiten Ebene, und es schneit und schneit.
Klimawandel heißt nicht, dass es keine Schnee- und Kälteextreme mehr gibt. (Bild: Hans Braxmeier/​Pixabay)

Die vorige Woche brachte Deutschland einen "Frühwinter" im Herbst. Eine spürbare Abkühlung, erste Frostnächte, Schnee bis in die tiefen Lagen.

Für viele war das eine Überraschung, ist man aus den letzten Jahren für diese Zeit doch eher mildere Temperaturen gewöhnt. Auch die meisten Winter waren nur noch ein Schatten ihres alten Selbst, offensichtlich eine Folge des Klimawandels.

Doch nun bahnt sich weit oben im Norden des Planeten eine Wetterlage an, die der Nordhalbkugel einen wirklich eisigen Dezember bescheren könnte.

Meteorologisch richtet sich der Blick auf den arktischen Wirbel, der in rund 32 Kilometern Höhe über dem Nordpol kreist – den sogenannten Polarwirbel. Er fungiert im Winterhalbjahr wie ein stabiler, runder Käfig, der kalte Luftmassen in den hohen Breiten quasi einsperrt und somit weitgehende Ausbrüche polarer Kälte in die mittleren Breiten unterbindet.

Wird dieser Wirbel jedoch gestört – etwa durch eine plötzliche Erwärmung der Luft in der Stratosphäre über dem Nordpol – kann der "Käfig" aufbrechen und sehr kalte Luft auch nach Mitteleuropa, Russland oder Nordamerika vorstoßen, die dort auch den Boden erreicht.

Aktuelle Analysen von Wettermodellen deuten auf eine mögliche "frühe Störung" des Polarwirbels hin: Laut dem Deutschen Wetterdienst (DWD) könnte Ende November eine erhebliche Abschwächung des stratosphärischen Polarwirbels eintreten, angetrieben durch "planetare Wellen", die sich in der Stratosphäre brechen wie Wellen am Strand.

Diese Abschwächung geht einher mit stark erhöhten Temperaturen in etwa 30 Kilometern Höhe über der Arktis und einer Schwächung der vorherrschenden Westwind-Strömung, eine Entwicklung, die in früheren Jahren zu einem sehr schwachen Polarwirbel geführt hat. Meteorologische Plattformen zeigen diese Signale aktuell mit vergleichsweise hoher Wahrscheinlichkeit.

In Mitteleuropa könnte der Dezember sogar mild ausfallen

Nach Einschätzung der Wetterkundigen ist das Risiko eines Kaltlufteinbruchs im Dezember derzeit am größten für Nordamerika – besonders für die östlichen Gebiete der USA und den Süden Kanadas.

Für Mitteleuropa allerdings sind die Signale uneindeutig. Zwar sind die Chancen für eine kalte Phase gestiegen. Intensität und Dauer eines möglichen Einbruchs hängen jedoch entscheidend davon ab, ob sich über dem Nordatlantik ein blockierendes Grönland-Hochdruckgebiet etabliert, das eine nördliche oder nordöstliche Strömung begünstigt. Nur dann wird die kalte Luft überhaupt nach Mitteleuropa geführt.

Zudem ist noch offen, ob ein destabilisierter Polarwirbel mit seinen ausgreifenden "Armen" bis in die untere Luftschicht der Troposphäre durchschlagen kann und die Kälte damit die Menschen direkt betrifft.

Der DWD gibt denn auch für Europa etwas Entwarnung: "Ein gestörter Polarwirbel ist nicht alles", heißt es in einer Stellungnahme zu der aktuellen Frostdebatte. Verdeutlicht wird damit, dass eine bloße Schwächung des Wirbels nicht automatisch einen eisigen Winter in Mitteleuropa bedeutet, es müssten noch weitere meteorologische Entwicklungen hinzukommen, etwa eine Windumkehr aus dem Osten.

Trotz der Signale vom Nordpol sollte man also nicht von einem sicheren "Jahrhundertwinter" ausgehen. DWD-Meteorologe Andreas Walter rechnet aktuell nicht damit. "Die Windumkehr wird derzeit von den Modellen nicht vorhergesagt", erläutert er im Gespräch mit Klimareporter°. In Mitteleuropa könnte es seiner Einschätzung nach trotz des gestörten Polarwirbels Anfang Dezember sogar eher mild werden.

Tatsächlich lässt die Langfrist-Wettervorhersage des DWD bis Februar eher erwarten, dass die Wintermonate deutlich wärmer werden als im Mittel der Vergleichsperiode 1991 bis 2020. Hinzu kommt, dass die Niederschläge danach wahrscheinlich eher geringer als normal ausfallen. "Beides zusammen spricht auch eher nicht für weiße Weihnachten", ergänzte Walter. 

In Nordamerika droht ein Rekordwinter 

Frostig und schneereich könnte es nach der derzeitigen Konstellation aber durchaus in den USA und Kanada werden. Hier sind starke Kälteeinbrüche in der jüngeren Geschichte immer wieder aufgetreten.

Und man ahnt, wie der neue US-Präsident Donald Trump reagieren würde, wenn es in diesem Winter wieder passiert. Nämlich so wie Ende Januar 2019, als in seiner ersten Amtszeit beißende arktische Kälte den Mittleren Westen und den Osten der USA heimsuchte. "Was zum Teufel ist mit der Erderwärmung los? Bitte komm schnell zurück, wir brauchen dich", schrieb er damals auf Twitter, heute X.

Die Temperaturen lagen zu der Zeit rekordverdächtig niedrig. In Grand Forks im Bundesstaat North Dakota wurden minus 37 Grad Celsius gemessen, die auf der Haut "gefühlte Temperatur" lag sogar bei minus 52 Grad. In Chicago, der drittgrößten Stadt der USA, sank das Thermometer auf minus 27 Grad.

Klimawandel-Leugner Trump sah sich durch den Megafrost betätigt. Dabei wird in der Klimaforschung durchaus darüber diskutiert, dass Instabilitäten des Polarwirbels eine Ursache in klimawandelbedingt veränderten Strömungsverhältnissen in der Atmosphäre haben könnten.

Im Winter 2019 traute sich sogar die US-Wetter- und Klimabehörde NOAA noch, Trumps Spott über die angeblich ausbleibende globale Erwärmung ebenfalls bei Twitter zu widersprechen, allerdings ohne Trump mit Namen zu nennen: "Schneestürme sind in einem sich erwärmenden Klima nicht nur möglich, sie können sogar wahrscheinlicher werden", heißt es in einer in dem Tweet verlinkten Erläuterung der NOAA zu der Frage, warum die Erwärmung der Ozeane polare Kältewellen und Schneefall-Rekorde mitauslösen könnte.

 

Damals versuchte nicht nur die NOAA, die Atmosphäre und Ozeane beobachtet und zu den führenden Klimainstituten weltweit zählte, Aufklärung gegen grassierende Fake-News zum Klimawandel zu setzen. Auch die altehrwürdige Nationale Akademie der Wissenschaften der USA sah die Zeit gekommen, offensiver mit "falschen Wahrheiten" in Zusammenhang mit der globalen Erwärmung umzugehen.

Fachlich fundierte Aufklärung sei nötig, teilte sie damals mit, besonders, "wenn Klimaforschung falsch dargestellt oder ignoriert wird, speziell bei sehr einflussreichen Einzelpersonen oder Gruppen". Wer damit gemeint war, wusste jeder.

Inzwischen aber wurde Donald Trump bekanntermaßen sogar wiedergewählt – und unterdrückt das unabhängige Klimawissen in den Regierungsbehörden und Forschungsinstituten in seinem Land nach Kräften.