Verlorene Jahre statt vorzeitiger Todesfälle

Bei einem sofortigen Ausstieg aus der fossilen Verbrennung würden viel weniger Treibhausgase ausgestoßen – aber auch weniger Aerosole, die den Klimawandel dämpfen. Forscher diskutieren über die Folgen.


Luftverschmutzung durch Kraftwerke im Ruhrgebiet
Kraftwerke wie diese im Ruhrgebiet sorgen gleichzeitig für Treibhausgase und Luftverschmutzung. (Foto: Rainer Berns/​Pixabay)

Gesundheit kontra Klimaschutz. Das argumentative Muster ist auch bei Verteidigern des Dieselmotors beliebt. Jüngst holte Bundesumweltministerin Svenja Schulze es hervor. Schaue man sich Autos gleicher Größe an, dann sei der Diesel immer noch sparsamer, habe also einen relativ geringen CO2-Fußabdruck.

Das Problem seien die Stickoxide, so die Ministerin, aber das könne man technisch regeln. Was dann allerdings den Kraftstoffverbrauch in die Höhe treibt – doch das sagt Schulze nicht.

Stickoxide sind zugleich auch Aerosole, Schwebeteilchen, viele davon nur einige Nanometer groß. Die verschmutzen zwar die Luft, reflektieren aber auch Sonnenstrahlen und kühlen die Erde. Ohne diesen "Reflektor aus Dreck" wäre die Erde heute nicht nur ein Grad wärmer gegenüber der vorindustriellen Zeit, sondern 1,3 bis 1,5 Grad, vermuten Klimawissenschaftler.

Mainzer Forscher wollten es nun genauer wissen und fragten sich, was mit der Erderwärmung passiert, wenn man weltweit auf einen Schlag keine fossilen Brennstoffe mehr nutzt und auch andere Treibhausgasemissionen wie die aus dem Agrarsektor zurückfährt.

Ergebnis: Das globale Klima würde sich durch die fehlende Kühlung der Aerosole im Schnitt um 0,36 Grad Celsius erwärmen. Die Studie von Jos Lelieveld vom Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz sowie weiterer Autoren wurde jetzt veröffentlicht.

Verbrennung stoppen bringt insgesamt mehr als Abgase reinigen

Nach wie vor sehen die Wissenschaftler aber die Chance, bei einem zügigen Ausstieg aus der Verbrennung fossiler Energien bis zur Mitte des Jahrhunderts das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. Zwar fiele der Kühleffekt weg, zugleich aber würden auch die Emissionen von Treibhausgasen massiv zurückgehen.

Anders gesagt: Klimapolitisch ist es geboten, die Luft nicht mit einer End-of-the-Pipe-Technik sauber zu bekommen, sondern die eigentliche Ursache – die fossile Verbrennung – abzuschalten. Nur dann "reinigt" man die Luft auch vom CO2.

Durch die saubere Luft ergeben sich laut Studie erhebliche Gesundheitseffekte. Jedes Jahr könnten – wenn man keine fossilen Brennstoffe mehr nutzt und auch sonstige Emissionen vermeidet – weltweit 5,5 Millionen Menschen weniger durch Luftverschmutzung vorzeitig sterben. Allein in Deutschland ließen sich durch konsequente Emissionsreduktion jedes Jahr 115.000 vorzeitige Todesfälle vermeiden.

Für Nino Künzli, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Lufthygiene der Schweizer Regierung, zeigt die Studie einen seit Langem bekannten Win-win-Effekt bei der Abkehr von fossilen Brennstoffen. "Sowohl die Luftqualität als auch das Klima werden dadurch nachhaltig positiv beeinflusst. Solche Win-win-Strategien sind wichtig und langfristig nachhaltiger als jene, welche ausschließlich auf einzelne Schadstoffe ausgerichtet sind", meint Künzli.

Forscher schlagen "verlorene Lebensjahre" als Maßstab vor

Weil die Überzeugungskraft derartiger Rechnungen gern infrage gestellt wird (Motto: "Stickoxide sind nirgendwo als Todesursache eingetragen worden"), empfehlen manche Experten wie Thomas Leisner vom Institut für Meteorologie und Klimaforschung des Karlsruher KIT, als Maßstab die "verlorenen Lebensjahre" (years of life lost, YLL) zu verwenden. Diese seien die bessere Größe als die Anzahl vorzeitiger Todesfälle.

Nehme man die in der Studie angegebenen zusätzlichen Sterbefälle wörtlich, so Leisner, könnte man daraus ableiten, dass mangelnde Luftqualität in Deutschland sogar für 124.000 der insgesamt rund 900.000 Todesfälle pro Jahr verantwortlich ist – also für fast 14 Prozent aller Todesfälle.

Das erscheint Leisner als zu hoch. Vor 20 Jahren habe die Feinstaubbelastung deutlich höher gelegen, entsprechend hätte die Luftverschmutzung damals einen noch höheren Anteil an den Todesursachen haben müssen.

Leisner: "Realistischer ist die Annahme, dass der natürliche Tod durch die zusätzliche Gesundheitsbelastung eben im Durchschnitt früher eintritt, das wären dann die verlorenen Lebensjahre."

Auch Alfred Wiedensohler vom Leipziger Leibniz-Institut für Troposphärenforschung hält es für "weitaus sinnvoller", als Maß die verlorenen Lebensjahre zu nutzen. Unbestritten sei aber, dass die Luftverschmutzung durch fossile Brennstoffe das größte Problem für die Gesundheit in stark verschmutzten Gebieten ist.

Wiedensohler: "Die Aerosolpartikel aus Verbrennungsprozessen sind die Partikel, die toxisch wirken – egal, ob sie bei der Verbrennung von fossilen Energieträgern oder von Biomasse und Holz gebildet werden."

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