Lockdown hat CO₂-Emissionen zeitweise um 17 Prozent gesenkt

Die Corona-Maßnahmen haben im April nach ersten Schätzungen zu einem weltweiten massiven Rückgang der Treibhausgasemissionen geführt. Die Wissenschaftler:innen warnen davor, den unbeabsichtigten Klimaschutzerfolg überzubewerten.


Stau auf der Autobahn.
Der verringerte Straßenverkehr während des Corona-Lockdowns hat besonders viel zu dem massiven Rückgang der Treibhausgas-Emissionen beigetragen. (Foto: Gerhard Gellinger/​Pixabay)

Wenn die Wirtschaft pausiert, sinken die Emissionen – aber wie stark? Wissenschaftler:innen aus mehreren Ländern haben jetzt gemeinsam den Effekt beziffert, den der internationale Corona-Lockdown zu seinem Höhepunkt für den Klimaschutz hatte.

Demnach lagen die täglichen CO2-Emissionen Anfang April um rund ein Sechstel unter denen vom Vorjahr. Die Studie ist am Dienstag im Fachmagazin Nature Climate Change erschienen.

Es handelt sich um eine erste Schätzung. Wie viel CO2 im April ausgestoßen wurde, mussten die Forschenden nämlich erst selbst ermitteln, da das bislang nicht in Echtzeit erfasst wird. Manche Länder würden mit ihren Statistiken gar um Jahre hinterherhinken, hieß es in einer Mitteilung des aus Deutschland beteiligten Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC).

Die Gruppe stellte deshalb Berechnungen mit Daten aus anderen Erhebungen an, etwa zu Energie- und Rohstoffverbrauch, Industrieproduktion und Verkehrsaufkommen. Es flossen Daten aus 69 Ländern ein, die insgesamt 97 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verursachen.

Als Beispieltag wählten die Wissenschaftler:innen den 7. April. An diesem Tag lagen die CO2-Emissionen um 17 Prozent unter denen vom Vorjahr. Das entspricht einem Unterschied von 17 Megatonnen des Treibhausgases.

Der drastische Rückgang kommt vor allem daher, dass es weniger Verkehr gab. 7,5 der eingesparten Megatonnen kommen durch den verringerten Verkehr am Boden, 1,7 weitere durch die Eindämmung des Luftverkehrs. Durch weniger Güter und Dienstleistungen wurden 4,3 Megatonnen eingespart, 3,3 Megatonnen durch weniger Stromerzeugung.

"Das beruht nicht auf einem strukturellen Wandel"

"Unsere Studie taugt nicht für Jubelmeldungen", sagte der Physiker Felix Creutzig vom MCC in Berlin, der an der Untersuchung mitgearbeitet hat. Die liefere zwar "wichtige quantitative Erkenntnisse" dazu, wie extreme Maßnahmen auf CO2-Emissionen wirken. Aber das sei nur die eine Seite.

"Die seit Jahren von der Wissenschaft entwickelten Szenarien für einen erfolgreichen Kampf gegen die Erderwärmung zielen ja trotz verringerten Energie- und Ressourcenverbrauchs auf besseres, nicht schlechteres menschliches Wohlergehen", so Creutzig. 

Dass die wirtschaftliche Pause zu einem starken Rückgang der Emissionen führt, war allgemein erwartet worden. "Wir werden eine Reduzierung der Emissionen durch Corona erleben", sagte Dirk Messner, Chef des Umweltbundesamts, schon im März. "Das ist ja offensichtlich."

Wie sich die Emissionen bis zum Jahresende entwickeln werden, hängt von den politischen Corona-Maßnahmen ab. In der Studie haben die Wissenschaftler:innen drei Szenarien berechnet. Ist der Lockdown Mitte Juni schon wieder komplett beendet, spart die Welt gegenüber dem Vorjahr vier Prozent der Treibhausgase ein. Wird er bis Ende Mai weitgehend aufrechterhalten und dann bis Juli nach und nach aufgelöst, sind es fünf Prozent. Für den Fall, dass es bis Jahresende immer wieder einzelne Quarantäne-Maßnahmen gibt, kommt die Studie auf rund sieben Prozent.

Das kommt dann fast an die 7,6 Prozent heran, die die Welt laut dem UN-Umweltprogramm Unep ab 2020 jedes Jahr einsparen muss, wenn sie das im Pariser Klimaabkommen vereinbarte 1,5-Grad-Ziel einhalten will. Das entspricht etwa einer Verfünffachung dessen, was die Staaten bislang für das Jahrzehnt bis 2030 versprochen haben.

Allerdings werden die unbeabsichtigten Klimaschutzerfolge der Corona-Bekämpfung nur vorübergehend sein, wie Studien-Leitautorin Corinne Le Quéré von der britischen University of East Anglia betonte. Das hat der Klimawissenschaftlerin zufolge einen einfachen Grund: "Die radikalen CO2-Minderungen beruhen nicht auf einem strukturellen Wandel im Wirtschafts-, Verkehrs- oder Energiesystem."

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

klimareporter° wird herausgegeben vom gemeinnützigen Klimawissen e.V. Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich.

Spenden Sie hier