Kaum ist Ende Juni, Anfang Juli die erste Hitzewelle über Europa hinweggegangen, schielen einige Medien schon auf den nächsten "Hitzedom". Der soll noch heißer werden mit Temperaturen jenseits der 40 Grad, lauten die reißerischen Schlagzeilen. Mit Wetterextremen werden neuerdings jede Menge Klicks gemacht.
Dass die Extreme eine Folge des selbstgemachten Klimawandels sind, interessiert schon weniger. Interessant wird sein zu sehen, ob dieselben Medien genauso intensiv über die am heutigen Mittwoch veröffentlichte Studie der Forschungsgruppe World Weather Attribution (WWA) berichten. Diese versucht zu klären, welchen Anteil der Klimawandel an der jüngsten Hitzewelle hat und damit an den hitzebedingten Todesfällen.
Laut WWA ist es die erste derartige Studie, in der die Zahl klimawandelbedingter Todesfälle infolge einer Hitzewelle geschätzt wird. Die Ergebnisse zeigten, warum gerade die Änderungen bei der Temperatur so gefährlich seien und warum es so wichtig sei, den Klimawandel ernster zu nehmen, betont Mitautorin Friederike Otto vom Imperial College London.
Ausgeführt wurde die kurzfristige Analyse von einem Forschungsteam des Imperial College, der London School of Hygiene & Tropical Medicine, des niederländischen Wetterdienstes KNMI sowie der Universitäten Bern und Kopenhagen.
Seine Aufmerksamkeit richtete das Team dabei auf zwölf europäische Städte mit zusammen 30 Millionen Bewohner:innen. Anhand von Sterberaten aus den letzten 20 Jahren sowie Modellrechnungen wurde die Zahl hitzebedingter Todesfälle geschätzt. Vergleichsmaßstab war ein um zwei bis vier Grad kühleres Ereignis über einen Zeitraum von zehn Tagen.
Auch wenn die Arbeit noch nicht den Peer-Review-Prozess durchlaufen habe, sei das Vorgehen in zehn Jahren WWA-Forschung erprobt, betonen die Studienautor:innen. Es sei derzeit auch die nahezu einzige Möglichkeit, um die gravierenden Auswirkungen des Klimawandels auf die Menschen zu erfassen.
Erderwärmung verdreifachte Zahl der Hitzeopfer
Die meisten hitzebedingten Todesfälle würden bisher staatlicherseits gar nicht erfasst, kritisieren die Forscher:innen. Auch ließen offizielle Schätzungen durch Regierungen oft Monate auf sich warten oder würden erst gar nicht veröffentlicht.
Die Zahl der Hitzetoten in der jüngsten Welle gibt die WWA-Studie für die untersuchten zwölf Städte mit insgesamt 2.300 an. Davon seien 1.500 Todesfälle, also etwa zwei Drittel, auf den zusätzlichen, vom Klimawandel ausgelösten Effekt zurückzuführen.
Die Zahl der hitzebedingten Todesopfer hat sich damit durch die Klimaerwärmung verdreifacht, rechnen die Forscher die Verhältnisse nochmal anders aus.
Da sich die Untersuchung auf zwölf Städte konzentrierte, bildet sie nur einen Ausschnitt ab, wird auch in der Studie selbst betont. Die Zahl der tatsächlichen Todesopfer der jüngsten Welle könne insofern in die Zehntausende gehen.
So seien in Spanien, Frankreich und Italien nur wenige Todesfälle gemeldet worden, es dürften aber Tausende Menschen an den Folgen der glühenden Temperaturen gestorben sein, ohne dass ihr Tod als hitzebedingt registriert wurde, konstatiert Mitautor Malcolm Mistry von der London School of Hygiene & Tropical Medicine.
Städte in Europa unterschiedlich betroffen
Am stärksten betroffen von den Hitzefolgen sind Menschen ab 65 Jahren, ergibt auch die WWA-Studie. Auf sie entfielen fast 90 Prozent der zusätzlichen Todesfälle. Bei Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen wie Herzkrankheiten, Diabetes und Atemwegserkrankungen könnten dabei schon relativ geringe Steigerungen eines ohnehin hohen Temperaturniveaus eine enorme Zahl von Todesfällen auslösen.
Die Einwohner der zwölf Städte sind laut der Analyse durchaus unterschiedlich von der Hitze betroffen. Während sich in Paris, London und Mailand die Zahl der zusätzlichen Hitzetoten im Durchschnitt bewege, seien die Auswirkungen in Madrid, Barcelona und Sassari auf Sardinien stärker sowie in Athen, Rom, Zagreb und Budapest weniger stark.
Eine Ausnahme bildet Lissabon. In Portugals Hauptstadt am Atlantik treten nach den Angaben starke Hitzewellen deutlich weniger auf als in anderen Städten Europas.
Zu den Ursachen der Unterschiede zwischen den Städten macht die Studie keine Angaben. So bleibt vorerst unklar, ob es vor allem an den natürlichen und baulichen Gegebenheiten vor Ort liegt oder an der Altersstruktur der Bevölkerung – oder daran, dass die Verwaltungen und die Menschen selbst inzwischen den Hitzeextremen mehr Aufmerksamkeit widmen.
Das WWA-Team hebt dabei selbst hervor, dass es in Europa gute Fortschritte bei der Entwicklung von Hitze-Aktionsplänen gebe. Neben kurzfristigen Maßnahmen wie der Schaffung kühler Orte und der Unterstützung gefährdeter Gruppen mahnen die Forscher:innen aber auch langfristige Gegenstrategien an. So gelte es, durch mehr Grün- und Wasserflächen den städtischen Hitzeinsel-Effekt zu verringern.
Städte könnten sich anpassen, indem sie Bäume pflanzen, den Platz für Autos reduzieren und sich um die am meisten gefährdeten Menschen kümmern, erklärt Pierre Masselot von der London School of Hygiene & Tropical, ebenfalls Mitautor. Der beste Weg sei letztlich die schnelle Reduktion der Treibhausgasemissionen.
"Verbrennen wir mehr Öl, Kohle und Gas, sterben mehr Menschen"
"Diese Studie verdeutlicht eine einfache Tatsache: Wenn wir mehr Öl, Kohle und Gas verbrennen, sterben mehr Menschen", erklärt Friederike Otto vom Imperial College zu den Ergebnissen. "Die Umstellung auf erneuerbare Energien, die Gestaltung von Städten, die extremer Hitze standhalten können, und der Schutz der Ärmsten und Schwächsten sind absolut notwendig, um jedes Jahr Tausende Menschenleben zu retten", appelliert die renommierte Klimaforscherin.
In einem Interview wandte sich Otto zugleich dagegen, das Pariser 1,5-Grad-Limit aufzugeben und auf das realistischer erscheinende Zwei-Grad-Ziel auszuweichen. 1,5 Grad blieben das Ziel, daran sei man auch rechtlich mit der Unterzeichnung des Pariser Klimaabkommens gebunden, betonte die Forscherin gegenüber der Süddeutschen Zeitung.
Und wenn man die 1,5 nicht schaffe, müsse man alles daransetzen, 1,51 Grad zu schaffen. Die Auswirkungen des Klimawandels seien schon jetzt dramatisch, wo die Welt noch gar nicht bei 1,5 Grad angekommen sei, begründete sie ihre Position.
Im Jahr 2050, so die WWA-Studie, wird ein erheblicher Teil der europäischen Bevölkerung extremer Hitze ausgesetzt sein. Bei einem Zwei-Grad-Szenario der globalen Erwärmung würden etwa 163 Millionen Menschen in Europa mit beispiellosen Sommertemperaturen konfrontiert sein.
Derzeit leben etwa 745 Millionen Menschen auf dem sich am schnellsten erwärmenden Kontinent. Auf den kommt die nächste Hitzewelle mit Sicherheit zu – hoffentlich aber spät und ohne einen Hitzedom.
Redaktioneller Hinweis: Friederike Otto gehört dem Herausgeberrat von Klimareporter° an.
