Klimaneutralität kommt 2050 zwei Jahrzehnte zu spät

Eine neue Methodik zur Berechnung von CO2-Budgets liefert dramatische Resultate: Um die Klimaüberhitzung mit einer Zwei-Drittel-Wahrscheinlichkeit bei 1,5 Grad zu stoppen, müsste die Welt schon Ende 2030 klimaneutral sein.


Ein rotes Graffito auf grauer Wand zeigt ein Auge, dessen Pupille wie eine Sanduhr aussieht.
Die Uhr im Blick: Die Welt hat noch weniger Zeit als zuvor gedacht, um ihre Treibhausgas-Emissionen zu senken. (Foto: David Drexler/​Flickr)

Die Menschheit hat ihr CO2-Budget noch nicht ganz aufgebraucht, sagt der Weltklimarat IPCC. Wenn sie die Treibhausgasemissionen bis Ende 2030 halbiert und dann bis zum Jahr 2050 auf netto null absenkt, dann hat sie eine Chance von 50 Prozent, die Klimaüberhitzung bei 1,5 Grad zu stabilisieren.

Was auf den ersten Blick Hoffnung machen kann, ist in zweierlei Hinsicht problematisch.

Zum einen ist die Münzwurf-Wahrscheinlichkeit ein extremes Risiko, wenn man bedenkt, dass zwischen 1,5 und zwei Grad Kipppunkte des Klimasystems liegen können, nach deren Überschreiten sich die Klimakrise selbst verstärkt – durch Rückkopplungseffekte wie das Tauen des Permafrosts. Dann drohen eine Erwärmung um vier oder fünf Grad und das Ende der menschlichen Zivilisation.

Zum anderen rechnet der IPCC bei seinem CO2-Budget eine "Klimahypothek" von 100 Milliarden Tonnen nicht mit: "Die mögliche zusätzliche Freisetzung von Kohlendioxid aus Permafrost und Methan aus Feuchtgebieten würde das Budget um bis zu 100 Milliarden Tonnen CO2 in diesem Jahrhundert reduzieren und anschließend um noch mehr."

Dass dieser Buchhaltungstrick möglich ist, hat einen einfachen Grund: Bislang gab es noch keine allgemein anerkannte Methodik für die Berechnung von CO2-Budgets.

CO2-Budget erstmals umfassend berechnet

Diesen Mangel wollen Forscher um Joeri Rogelj von der britischen Universität Imperial College nun beheben. In einer Studie im Fachmagazin Nature schlagen sie eine Systematik für die Berechnung von CO2-Budgets vor, die alle Faktoren berücksichtigt und so eine "kreative" CO2-Buchhaltung verhindert.

Was bedeutet Klimaneutralität?

Im Grunde geht es darum, die Treibhausgas-Emissionen der Welt auf null zu bringen. Ökosysteme wie Bäume und Moore können aber eine gewisse Menge an CO2 binden. Außerdem sind – bislang allerdings hoch umstrittene – Technologien in Arbeit, die der Atmosphäre CO2 nachträglich entziehen können. Klimaneutral bedeutet, dass nur so viel Treibhausgas emittiert wird, wie durch solche natürlichen oder technologischen Mittel wieder ausgeglichen wird. Die Rede ist oft auch von "netto null" Emissionen. (scz)

Die Grundlage aller CO2-Budgets ist der lineare Zusammenhang zwischen den kumulierten Emissionen seit Beginn der industriellen Revolution und der Erwärmung. Um das verbleibende Budget zu berechnen, müssen aber weitere Faktoren berücksichtigt werden, vor allem die Emissionen von anderen Treibhausgasen wie Methan oder Lachgas und die Rückkopplungseffekte des Erdsystems.

Um zu demonstrieren, wie die vorgeschlagene Budget-Systematik funktioniert, haben die Forscher dann das CO2-Budget der Menschheit neu berechnet.

Obwohl sie dabei lediglich die Parameter aus dem neuen IPCC-Bericht übernommen haben, kommen sie zu einem dramatischen Ergebnis: Wenn die Menschheit ab dem 1. Januar 2020, also praktisch ab sofort, weiter auf dem heutigen Niveau Treibhausgase emittiert, ist das Budget nach nicht einmal sechs Jahren aufgebraucht – sofern wir das 1,5-Grad-Ziel mit einer Wahrscheinlichkeit von zwei Dritteln erreichen wollen.

Danach müssten die Emissionen dann plötzlich auf null abfallen. Das ist natürlich unrealistisch. Wenn man stattdessen davon ausgeht, dass die Emissionen von heute an linear auf null abgesenkt werden, lässt sich leicht ausrechnen, wann die Welt klimaneutral sein muss: Dann hat sie etwas mehr als elf Jahre Zeit, um die Emissionen auf null zu bringen.

Das bedeutet, dass die Emissionen Ende 2030 bei netto null liegen müssen. Deutschland, Großbritannien und andere Industriestaaten wie auch die EU müssten ihre Nettoemissionen aber eigentlich schon vor 2030 auf null senken, um weniger entwickelten Ländern Zeit zu geben, das Ziel etwas später zu erreichen.

Das Netto-Null-Ziel müsste also hier schon Ende 2028 oder sogar Ende 2025 erreicht werden. Das entspricht der Forderung von Extinction Rebellion, dem "Aufstand gegen das Aussterben", einer neuen Umweltbewegung.

"Wenn man 1,5 Grad mit einer Zwei-Drittel-Wahrscheinlichkeit erreichen will und die Feedbackmechanismen des Erdsystems und die größere Verantwortung von Industrieländern berücksichtigt, dann ist das die logische Konsequenz", sagt Klimaforscher Rogelj.

2050 ist viel zu spät

Selbst wenn die Menschheit bereit ist, das 1,5-Grad-Ziel nur mit Münzwurf-Wahrscheinlichkeit zu erreichen, ist klar, dass 2050 für die Netto-Null zu spät ist. Das Zieljahr 2050 wird derzeit von UN-Chef António Guterres propagiert und ist das Ziel von Großbritannien und Frankreich.

Für eine 50-Prozent-Wahrscheinlichkeit bei linearer Absenkung der Emissionen auf null hat die Menschheit noch 19 Jahre Zeit, also bis Ende 2038. Wenn man wieder davon ausgeht, dass wohlhabende Länder mit großen technischen und industriellen Fähigkeiten vorangehen, dann müsste Deutschland die Netto-Null also bis Ende 2035 erreichen. Das entspricht der Forderung der deutschen Sektion der Fridays-for-Future-Bewegung.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat dagegen im Juni gesagt: "Ja, wir setzen uns unter Druck. Wir wollen bis 2050 klimaneutral sein." Doch so lässt sich, gemessen am neu berechneten CO2-Budget, das 1,5-Grad-Ziel nur noch mit einer Wahrscheinlichkeit von 33 Prozent erreichen.

Praktisch bedeutet das: Wer erst 2050 klimaneutral sein will, hat bereits eingeplant, das 1,5-Grad-Ziel zu verfehlen.

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