Grönlandeis kippt stufenweise

Das grönländische Inlandeis gilt als eines der Kippelemente im Klimasystem. Neue Analysen deuten darauf hin, dass die Eismassen ihren Kipppunkt schon überschritten haben könnten. Doch es gibt auch Kritik an der Deutung der Studie.


Schmelzwasser tritt unter dem Russell-Gletscher hervor.
Schmelzwasser strömt unter dem Russell-Gletscher auf Grönland hervor. (Foto: Jeremy Harbeck/​NASA)

Was vor anderthalb Jahren noch eine Prognose von Forscher:innen war, scheint sich nun zu bewahrheiten: Das Schmelzen des grönländischen Inlandeises kann auch durch Schneefall im Winter nicht mehr ausgeglichen werden. 

Zu diesem Ergebnis sind Forscher:innen der Ohio State University gekommen, die Satellitendaten von den mehr als 200 Gletschern des Eisschildes über nahezu 40 Jahre ausgewertet haben.

"Wir haben uns Fernerkundungsdaten angeschaut, um zu untersuchen, wie Eisabfluss und -zunahme variiert haben", sagte Michalea King, Hauptautorin der Studie, die jetzt im Fachmagazin Communications Earth & Environment erschien. "Wir haben festgestellt, dass das Eis, das in den Ozean abfließt, den Schnee, der sich auf der Oberfläche des Eisschildes ansammelt, bei Weitem übertrifft."

Noch vor dem Jahr 2000 waren die Eiszuwächse und -einbußen nahezu ausgeglichen. Damals verlor das Grönlandeis jedes Jahr rund 450 Milliarden Tonnen Masse, aber Schneefall konnte das noch ausgleichen. Der Zuwachs durch Schnee und die Abnahme durch schmelzende Gletscher oder kalbendes Eis blieben mehr oder weniger im Gleichgewicht. Die Chance, dass das Eis jedes Jahr an Masse gewinnen oder verlieren könnte, war annähernd gleich.

Doch seit der Jahrtausendwende kippte die Bilanz, der Eisverlust wird größer. So verlor der Eisschild ab dem Jahr 2000 rund 500 Milliarden Tonnen Eis – eine Menge, die Schneefälle nicht mehr ausgleichen konnten. Das liegt auch daran, dass Niederschläge über Grönland immer weniger als Schnee, sondern vermehrt in Form von Regen fallen – was ebenfalls Schmelzprozesse vorantreibt.

Unter den gegenwärtigen klimatischen Bedingungen kann der Eisschild laut Prognose nur in einem von 100 Jahren an Masse gewinnen. "Der Rückgang der Gletscher hat den gesamten Eisschild in einen dauerhaften Zustand des Verlusts versetzt", sagte der britische Geowissenschaftler und Co-Autor der Studie Ian Howat. "Selbst wenn das Klima gleich bliebe oder sogar etwas kälter würde, würde der Eisschild noch weiter an Masse verlieren."

Der Punkt, an dem es kein Zurück mehr gebe, sei überschritten, so Howat. Allerdings handle es sich nicht um einen einzigen Kipppunkt von einer stabilen zu einer schnell zusammenbrechende, Eisdecke, sondern eher um eine Treppe, bei der wir von der ersten Stufe heruntergefallen seien.

Ob der Kipppunkt des grönländischen Inlandeises tatsächlich schon überschritten ist, bezweifelt der Klimaforscher Stefan Rahmstorf. Das gebe die Studie nicht her. "Die Autoren sagen im Grunde: Wenn das so weitergeht, dann wird das Grönlandeis weiter an Masse verlieren", schreibt Rahmstorf auf Twitter. "Der Kipppunkt für den Verlust des grönländischen Eisschildes hängt davon ab, ob das Schmelzen des Eises den Schneefall dauerhaft überschreitet".

Ob dieser Kipppunkt überschritten wurde, wisse man aber nicht. Dennoch sei der Eisverlust in Grönland ein echtes Problem, schon heute trage er viel zum Anstieg des Meeresspiegels bei.

Konsequenter Klimaschutz würde viele Städte retten

Schrumpfen die Gletscher in Grönland, hat das weltweit Folgen. Das Eis gelangt in den Atlantischen Ozean und schließlich in alle Weltmeere und trägt so maßgeblich zum Anstieg des Meeresspiegels bei. Seit 1992 hat schmelzendes Grönlandeis den Pegel der Ozeane um etwas mehr als einen Zentimeter (10,8 Millimeter) angehoben, wie ein internationales Forscherteam im vergangenen Jahr errechnete.

Was nach wenig klingt, hat weitreichende Konsequenzen: "Als Faustregel gilt, dass für jeden Zentimeter Anstieg des globalen Meeresspiegels weitere sechs Millionen Menschen rund um den Planeten Küstenüberflutungen ausgesetzt sind", sagte damals der an der Studie beteiligte Polarforscher Andrew Shepherd. Wenn sich die bisherige Entwicklung weiter fortsetzt, könnte allein schmelzendes Grönlandeis den Meeresspiegel bis zum Ende dieses Jahrhunderts um etwa 16 Zentimeter ansteigen lassen.

Zügiger und konsequenter Klimaschutz könnte das Schmelzen langfristig abmildern. Laut einer weiteren Berechnung auf Grundlage von Nasa-Daten würde der gesamte Eisschild bei unverändert hohem CO2-Ausstoß innerhalb eines Jahrtausends abschmelzen und einen Meeresspiegelanstieg zwischen fünf und sieben Metern verursachen – genug, um zahlreiche Küstenstädte auf der ganzen Welt zu überschwemmen und so den Lebensraum von vielen Millionen Menschen zu bedrohen.

Bislang rechnen viele Klimawissenschaftler:innen damit, dass der Kipppunkt des Grönländischen Eisschildes – und ein damit auf lange Sicht so gut wie vollständiger Eisverlust – bei einer globalen Erwärmung von rund zwei Grad erreicht wird.

Nach der Antarktis ist das grönländische Inlandeis die größte dauerhaft vereiste Fläche der Erde. Doch der stellenweise drei Kilometer starke Eispanzer schrumpft und verliert langfristig an Höhe. Im vergangenen Jahr ging in Grönland eine Rekordmenge an Eis verloren: Forscher:innen der Columbia University in New York schätzen, dass das Inlandeis 2019 um etwa 600 Milliarden Tonnen Eismasse schrumpfte.

Zwar schmolz nicht ganz so viel Eis wie im bisherigen Rekordjahr 2012, allerdings war der Eis-Zuwachs 2019 deutlich geringer, sodass die Bilanz insgesamt negativer ausfiel.

Der Beitrag wurde am 18. August aktualisiert (Bewertung von Stefan Rahmstorf).

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