Komplexe Zusammenhänge zu begreifen, fällt Menschen nicht leicht. Das ist auch nicht verwunderlich, schließlich ist unsere Umgebung von linearen oder annähernd linearen Ursache-Wirkungs-Beziehungen geprägt.
Evolutionär hat Homo sapiens deshalb eine lineare Intuition entwickelt. Er ist darauf spezialisiert, zu vereinfachen, schnell Muster zu erkennen und danach zu handeln. Zudem leidet unsere Spezies, auch das hat evolutionäre Gründe, an einer gewissen Kurzsichtigkeit.
Beides sind nicht die besten Voraussetzungen, um adäquat auf die Klimakrise zu reagieren – und schon gar nicht auf drohende Kipppunkte.
Können hier doch ganz unintuitiv kleine Veränderungen ab einem bestimmten Punkt, dem Kipppunkt, eine große, möglicherweise unumkehrbare Wirkung entfalten.
Ausgelöst werde das durch selbstverstärkende Rückkopplungseffekte, erklärte der Erdsystemwissenschaftler Tim Lenton in seiner Eröffnungsrede auf der Kipppunkte-Konferenz vor wenigen Wochen. Ab einer bestimmten Schwelle werden diese Rückkopplungseffekte selbsterhaltend und schubsen ein System, etwa den Grönlandeisschild oder den Amazonas-Regenwald, in einen neuen, vollkommen anderen Gleichgewichtszustand.
Zum Glück leistet sich der moderne Mensch ein Wissenschaftssystem, das sich nicht auf ein intuitives Verständnis von Zusammenhängen beschränkt. Die neuesten Erkenntnisse zu diesen komplexen Beziehungen diskutierten mehrere hundert Expert:innen auf der besagten Kipppunkte-Konferenz im britischen Exeter – der zweiten ihrer Art.
Kipppunkte und planetare Grenzen zusammen denken
Es habe eine Weile gedauert, bis Kipppunkte im wissenschaftlichen Mainstream angekommen sind, erklärt der Erdsystemwissenschaftler Nico Wunderling vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) gegenüber Klimareporter°.
Angefangen hat alles mit einer viel beachteten Studie von Tim Lenton und dem damaligen PIK-Direktor Hans Joachim Schellnhuber im Jahr 2008. Auch danach habe es aber noch fast zehn Jahre gedauert, bis erkannt wurde, dass die Kipppunkte sehr viel näher liegen als zunächst angenommen, so Wunderling.
Dass sich nun eine Konferenz allein diesem Forschungsgegenstand widmet, dass Berichte zu Kipppunkten veröffentlicht werden und ihnen im nächsten IPCC-Bericht ein Kapital gewidmet wird, zeige, "dass das Thema eine wichtige Rolle einnimmt".
Vier Tage lang tauschten sich die Expert:innen in Panels, Workshops und weiteren Formaten in der Universitätsstadt im Südwesten Englands aus. Die diesjährige Konferenz in Exeter sei deutlich größer als ihre Vorgängerin 2022, sagte Lenton. Die Nachfrage nach Wissen zu dem Thema nehme stetig zu.
Zu Beginn richtete sich Johan Rockström, der Schellnhuber als PIK-Direktor 2018 abgelöst hatte, mit einem Appell an seine Kolleg:innen. Die planetaren Grenzen müssten in der Kipppunkte-Forschung stärker berücksichtigt werden. Die Schwelle, ab der ein System kippen kann, könne bei einer ganzheitlichen, erdsystemaren Betrachtung wesentlich niedriger liegen, als wenn der Klimawandel isoliert betrachtet wird.
Für den Amazonas-Regenwald wird das von neueren Studien belegt. Bei starker Abholzung reagiert das Ökosystem wesentlich empfindlicher auf die Erwärmung.
Auch dem hoffnungsvollen Gegenentwurf zu den "schlechten" Klima-Kipppunkten, den "guten" sozialen und technologischen Kipppunkten, widmeten sich zahlreiche Veranstaltungen auf der Konferenz. Gemeint sind damit gesellschaftliche Transformationen, die ebenfalls plötzlich einsetzen und klimafreundliche Entwicklungen beschleunigen können.
Der Solarboom und das exponentielle Wachstum von E-Autos wurden hier von Redner:innen als Positivbeispiele angeführt – aber auch kleinskalige Entwicklungen wie etwa ein schneller Aufwuchs an Investitionen in den nachhaltigen Anbau von Baumwolle.
Jetzt kommen die Kippmodelle
Der politische Fokus auf soziale Kipppunkte hätte Lenton zufolge durchaus das Potenzial, einen Wandel so stark zu beschleunigen, dass die Welt der Krise weitestgehend entkommen könnte. Gleichzeitig betonten Expert:innen, dass soziale Kipppunkte im Vergleich zu den Klima-Kipppunkten erst rudimentär verstanden seien.
Einige Sozialwissenschaftler:innen würden den Begriff "sozialer Kipppunkt" sogar meiden, erklärte Rockström. In der Sozialforschung gebe es oft einen ganz anderen akademischen Zugang zu diesen Phänomenen, und das müsse man "demütig anerkennen".
Ob das Bild des Kippens in Bezug auf gesellschaftliche Systeme tatsächlich passt, ist umstritten. Etablierter sind in den Sozialwissenschaften Konzepte wie gesellschaftliche Transformation oder sozialer Wandel.
Seit dem ersten Treffen habe sich in der Kipppunkte-Forschung vor allem eines verändert, sagte Rockström dem britischen Klimaportal Carbon Brief. Es gebe nun endlich moderne Modelle für Kipppunkte. "Große Kippmodellanalysen zu AMOC‑Risiken, zum Amazonas-Regenwald, zum Permafrost und zu den Eisschilden sind auf dem Weg."
Auch weitere, noch stärker spezialisierte Modelle, zum Beispiel für den Zusammenhang verschiedener Kipppunkte, wurden auf der Konferenz präsentiert.
Die Konferenz wollte auch über die Wissenschaft hinaus informieren, sagt Wunderling. Bei dem gegenwärtigen Erwärmungstrend sei davon auszugehen, dass "Kipppunkte bald überschritten werden könnten" oder einige wenige bereits überschritten sind. Das sei natürlich nicht nur von wissenschaftlicher Relevanz.
Regenwald, Eisschilde und Korallen bereiten die meisten Sorgen
Am Rande der Konferenz befragte Carbon Brief Teilnehmer:innen nach den Kipppunkten, die ihnen derzeit am meisten Sorge bereiten.
Vor allem der Amazonas-Regenwald fand wiederholt Erwähnung. Ein Kippen des Waldes könnte bis Ende des Jahrhunderts rund 250 Milliarden Tonnen CO2 freisetzen, sagte der brasilianische Klimaforscher Carlos Nobre zur Begründung. Das entspricht den weltweiten Emissionen von fast sieben Jahren. Das 1,5-Grad-Ziel wäre damit hinfällig.
Auch die Erdsystemwissenschaftlerin Patricia Pinho setzt den Amazonaswald auf Platz eins ihrer Sorgen-Liste. Werde dieser Kipppunkt wirklich überschritten, "wird es ein tiefgreifender, unumkehrbarer Wandel sein, der die Weltbevölkerung auf dramatische Weise beeinflussen wird".
Viele Wissenschaftler:innen nannten das Korallensterben und das Schmelzen der großen Eisschilde. Schon eine geringere Erwärmung als heute könnte ausreichen, um Teile des grönländischen und des westantarktischen Eisschildes zu kippen, so die Glaziologin Ricarda Winkelmann.
Schuld daran sind auch hier selbstverstärkende Rückkopplungseffekte. Der Grönlandeisschild gerät durch das Abschmelzen nach und nach in tiefere und wärmere Luftschichten. Das treibt die Schmelze weiter an.
Außerdem legen die abgeschmolzenen Eismassen dunkle Gesteinsflächen frei. Diese absorbieren mehr Sonnenlicht, beschleunigen damit die Erwärmung – wodurch weitere Gesteinsflächen freigelegt werden.
Ab irgendeinem Punkt setzen sich diese Prozesse auch unabhängig von einem Stopp der Erderwärmung weiter fort.
Das Kippen der Eisschilde hätte zudem einen besonders starken Kaskadeneffekt auf andere Kippelemente – etwa die AMOC ("Golfstrom") und den Amazonas-Regenwald –, so der Meeresökologe David Obura. Sein Forschungsgebiet, die Korallenriffe, hätte bei einem Kippen zwar weitreichende soziale Auswirkungen, aber weniger unmittelbar auf andere Kippelemente.
Neben der AMOC nennt dennoch auch Rockström die Korallenriffe. Denn es gebe "reichlich Beweise dafür, dass wir bei 1,5 Grad sehr wahrscheinlich das gesamte tropische Korallenriffsystem der Erde umstürzen werden".
Die Korallen seien der Kanarienvogel in der Kohlegrube, also der erste Kandidat, der umfallen werde – mit weitreichenden Folgen für die Lebensgrundlagen von 400 Millionen Menschen und das marine Nahrungsnetz.
Es sei bedauerlich, kritisierte Rockström, dass die Menschheit eine Medienlandschaft zulasse, die das Risiko herunterspiele und Wissenschaftler:innen nur sporadisch zu Worten kommen lasse. Die Medien hätten eine große Verantwortung dafür, wie die Klimakrise derzeit öffentlich wahrgenommen werde.

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