Die heißeste WM ever

Fußballer und Fans schwitzen in Katar, obwohl Dezember ist. Der Klimawandel hat einen Anteil daran, ergibt eine wissenschaftliche Analyse. Gleichzeitig stehen die Klimaschutz-Versprechen der Veranstalter in der Kritik.


Spieler der argentinischen Nationalmannschaft freuen sich über ein Tor.
Argentinische Nationalspieler in Katar: Gesundheitsgefährdende Hitze. (Foto: Alejandro Garay/​Pixabay)

Die Fußball-WM wurde nicht ohne Grund erstmals in der Turniergeschichte ins Winterhalbjahr verlegt. In Katar, dem Wüstenstaat auf der Arabischen Halbinsel, steigen die Temperaturen im Sommer auf bis zu 50 Grad.

Das wäre Fußballern und Fans, die meist aus gemäßigteren Regionen kommen, kaum zuzumuten gewesen – trotz Klimaanlagen in Stadien und Hotels. Doch auch jetzt sind die Temperaturen ungewöhnlich hoch, Spieler und Zuschauer schwitzen bei teils über 30 Grad.   

Auch für katarische Verhältnisse ist die aktuelle Hitze untypisch. Laut einer aktuellen Analyse der US-Forschungsgruppe Climate Central liegen die Temperaturen in der Hauptstadt Doha derzeit um rund drei Grad über normal für diese Jahreszeit.

Für Freitag werden dort 31 Grad erwartet. Der Temperaturanstieg ist laut Climate Central offenbar eine Folge des Klimawandels. Er habe ihn mindestens doppelt so wahrscheinlich gemacht.

Basis der Datenanalyse ist der "Klimaverschiebungsindex" (Climate Shift Index), den Climate Central entwickelt hat. Der Index gibt auf einer fünfstufigen Skala an, um wie viel wahrscheinlicher oder häufiger höhere Temperaturen als Folge des Klimawandels geworden sind. Die Temperaturdaten bezieht das Forschungsteam aus den historischen und aktuellen Durchschnittswerten von Wetterinstituten.

Ein Verschiebungsindex von zwei zum Beispiel bedeutet, dass die Erhöhung der durchschnittlichen Tagestemperatur mindestens doppelt so wahrscheinlich geworden ist, wie dies ohne den Einfluss der vom Menschen verursachten Klimaveränderungen der Fall gewesen wäre.

Am 27. November zum Beispiel betrug die Temperaturerhöhung 3,3 Grad gegenüber normal, und der Index lag bei drei, an den anderen Tagen der Gruppenspielphase bei zwei.

Risiko für Outdoor-Sportarten steigt

Der Leiter der Klimaforschung bei Climate Central, Andrew Pershing, kommentierte die Analyse so: "Die Belastung durch Wettkämpfe bei extremer Hitze beeinträchtigt bereits jetzt immer mehr Sportler auf der ganzen Welt, und der Klimawandel macht Outdoor-Sportarten sowohl für Profis als auch für Breitensportler risikoreicher."

Auch um die Gesundheit von Sportlern zu schützen, sei es wichtig, den globalen Temperaturanstieg zu stoppen, sagte Pershing. Tatsächlich wäre es wohl kaum finanzierbar, Sportereignisse weltweit in klimatisierte Stadien und Sporthallen zu verlegen, so wie das im reichen Katar gemacht wird. 

Seit einigen Jahren widmet sich ein Zweig der Klimawissenschaft der sogenannten Attributionsforschung. Damit wird ermittelt, wie viel Klimawandel in einem Wetterereignis steckt, und das gelingt inzwischen immer besser. Ein internationales Team mit dem Namen World Weather Attribution (WWA) hat bereits eine ganze Reihe solcher Studien vorgelegt.

So zeigte eine WWA-Analyse, dass die extreme Hitzewelle, die in Indien und Pakistan in diesem Frühjahr herrschte, durch den Klimawandel rund 30‑mal wahrscheinlicher geworden war als in einer Welt ohne Klimawandel.

Eine weitere Untersuchung belegte, dass die Wahrscheinlichkeit von Dürreperioden wie in diesem Sommer in Europa, Nordamerika und China sich auf der Nordhalbkugel insgesamt bereits um mindestens das 20‑Fache erhöht hat.

Attributionsanalysen zu Hitzeperioden sind dabei grundsätzlich leichter durchzuführen als zu Regenextremen. Doch auch hier zeigt sich die Tendenz, dass sie durch den Klimawandel intensiver werden.

Klimaneutralitäts-Versprechen "irreführend"

In Bezug auf die WM in Katar meinte der Berliner Energieprofessor Volker Quaschning, es sei gut, dass nun viele über die Menschenrechtslage in dem Land diskutierten und das Thema bei WM-Vergaben künftig "sicher eine größere Rolle spielen" werde. Der Klimaschutz bleibe aber "wieder mal außen vor".

Dabei sei Katar das Land mit dem weltweit höchsten CO2-Ausstoß pro Kopf, und die WM verursache Millionen klimaschädliche Flugreisen. Die Pro-Kopf-Emissionen liegen in Katar bei rund 35 Tonnen CO2 pro Jahr, in den USA sind es rund 14, in Deutschland rund acht Tonnen (Daten für 2020).

Der Golfstaat ist ein weltweit bedeutender Erdgasproduzent und betreibt zwei neue Gasfelder vor der Küste, um unter anderem auch Deutschland künftig mit Flüssigerdgas (LNG) zu beliefern. Katar will die Förderung von gegenwärtig 77 Millionen Tonnen jährlich auf 126 Millionen Tonnen im Jahr 2027 hochschrauben.

Zur Klimawirkung der WM haben die Organisatoren in Katar betont, es handle sich um die erste "klimaneutrale" Weltmeisterschaft in der Geschichte. Kritiker dagegen nennen die Behauptung "irreführend". Zwar sind die vollklimatisierten Fußball-Arenen mit Solaranlagen ausgerüstet, die einen Teil des darin verbrauchten Stroms liefern.

Doch wurde laut einer Analyse der Brüsseler Umweltorganisation Carbon Market Watch der CO2-Ausstoß beim Bau der Stadien und sonstiger Infrastruktur systematisch kleingerechnet. Zudem sei die versprochene CO2-Kompensation durch Investitionen in Klimaschutzprojekte nur für einen Teil der Emissionen geleistet worden.

Beim Verkehr, der laut Fifa mit 51 Prozent den größten Teil des CO2-Ausstoßes der WM verursacht, seien die Shuttle-Flüge nicht eingerechnet worden, die jeden Tag Zuschauer nach Katar befördern. Da es dort an Unterkünften mangelt, starten täglich 160 WM-Flüge in Nachbarländern, darunter Kuwait, Oman, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate.

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