"Die Haut und die Freiheit retten"

Rein physikalisch besteht noch immer die Chance, den Klimawandel auf ein erträgliches Maß zu begrenzen. Der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber über die Chancen, den CO2-GAU noch zu verhindern, sowie über Merkel, Trump und den Papst. Teil 2 des Interviews.


Menschen auf der Kennedybrücke, die in Bonn über den Rhein führt
Gelingt es in den nächsten Jahren, die Gesellschaft und die Art des Wirtschaftens grundlegend umzubauen? (Foto: Verena Kern)

Klimareporter°: Professor Schellnhuber, wir haben über die drohende Klimakrise gesprochen. Welche Chancen gibt es noch, die Erwärmung bei halbwegs "sicheren" 1,5 Grad zu stoppen?

Hans Joachim Schellnhuber: Die Chance besteht rein physikalisch immer noch. Faktisch kommt es aber auf die Politik an. Wir als Forscher können nur informieren über die Folgen einer Erwärmung um 1,5 Grad, zwei Grad, drei Grad oder noch mehr. Die im Abkommen von Paris vereinbarte Zwei-Grad-Obergrenze war ein Kompromiss zwischen dem wissenschaftlich Gebotenen und dem ökonomisch Günstigen. Das ist Resultat einer diplomatischen Meisterleistung. Aber klar ist auch: Mit jedem Zehntelgrad steigt das Risiko, dass wir das Erdsystem in die besagte Heißzeit treiben.

Was gibt Ihnen Hoffnung?

Zum Beispiel der Siegeszug der Erneuerbaren, eine phänomenale Erfolgsgeschichte! Windkraft und Solarenergie sind so schnell preiswert geworden, wie es selbst Optimisten und Träumer nicht erwartet hätten, und uns stehen hier weitere bahnbrechende Entwicklungen bevor. Es könnte "Kipp-Prozesse" geben, welche die fossilen Brennstoffe plötzlich aus dem Rennen werfen. Möglich ist auch, dass kein Autokonzern in zehn Jahren noch einen Verbrennungsmotor bauen wird, weil die Batterietechnik so große Fortschritte macht.

Stimmungen können umschlagen. Strukturen können brechen und neu zusammenwachsen. Die "große Transformation" liegt vielleicht schon in der Luft. Mit anderen Worten: Das Disruptive, vor dem wie beim Klimawandel so große Sorgen haben, kann uns retten. Ohne positive Überraschungen ersten Grades ist die 1,5-Grad-Linie allerdings nicht zu halten.

Müsste die Politik nicht viel radikaler sein? Inlandsflüge verbieten, SUVs teurer machen, eine CO2-Steuer einführen?

Die allermeisten Menschen sind eigentlich anständig und achtsam, aber eben auch ein wenig bequem und opportunistisch. Evolutionär haben wir uns als Jäger und Sammler entwickelt, wir greifen zu, wenn Beute in Sicht kommt – ob essbare Pilze im Unterholz oder ein fetter Wagen beim Autohändler.

Andererseits beruht unsere Zivilisation auf Planung, Organisation und sogar Verzicht. Wir schicken zum Beispiel unsere Kinder zur Schule, damit sie vielleicht in 20 Jahren einen guten Job ergattern.

Das heißt: Wir pendeln ständig zwischen zwei Extremen hin und her, Kurzfrist und Langfrist. Und in einer Demokratie ist es die wichtigste Aufgabe der Politik, im Auftrag der Wählerinnen und Wähler die beiden Sichtweisen zusammenzubringen. Was gelegentlich bedeutet, uns etwas zu unserem eigenen Besten zuzumuten.

Eine wirksame CO2-Steuer, die Fliegen und Autofahren so teuer macht, wie sie eigentlich sein müssten?

Das ist eine von vielen Möglichkeiten. Denn die Menschen akzeptieren inzwischen die Realität des Klimawandels, sie wissen, dass da eine große Bedrohung auf uns zukommt. Sie wären sogar bereit, für den Klimaschutz hier und da zurückzustecken.

Was fehlt, sind charismatische Führungsfiguren, die klar sagen: Ich verspreche euch nicht, dass alles so bleibt, wie es ist. Dass das Kilo Schweinefleisch weiter zwei Euro kostet und dass der Liter Sprit nie teurer als einsfünfzig wird. Ich verspreche euch im Gegenteil Anstrengungen, aber gemeinsam machen wir uns auf in eine Zukunft, von der ihr gerne ein Teil sein wollt.

Das erinnert ein bisschen an die Blood-Sweat-and-Tears-Rede von Winston Churchill als Regierungschef von Großbritannien im Zweiten Weltkrieg. Ihm haben die Briten damals geglaubt, dass sie gemeinsam ihre Haut und die Freiheit retten können. Und so geschah es.

Herr Schellnhuber, Sie haben vor über eine Vierteljahrhundert das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung aufgebaut, dessen Leitung Sie nun abgeben. Haben sich Ihre Hoffnungen erfüllt?

Foto: PIK

Zur Person

Hans Joachim Schellnhuber ist Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgen­forschung (PIK) und Mitglied des Wissenschaft­lichen Beirats für Globale Umwelt­veränderungen (WBGU), der die Bundesregierung berät. Zurzeit sitzt er außerdem in der Kohlekommission der Bundesregierung. Er hat an Berichten des Weltklimarates IPCC mitgearbeitet und unter anderem die Bundeskanzlerin, die EU-Kommission, den UN-Generalsekretär und den Papst beraten.

 

In diesem Monat übergibt der Physiker die Leitung des PIK an den Ökologen Johan Rockström und den Klimaökonomen Ottmar Edenhofer. Die Bilanz seines Forscherlebens zog Schellnhuber in dem 700-Seiten-Buch "Selbstverbrennung – die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff".

Einerseits nein, weil ich bei Gründung des Instituts dachte, dass sich innerhalb von ein oder zwei Jahrzehnten das Klimaproblem entschärfen ließe. Die Wissenschaft liefert die Fakten, und auf dieser Grundlage wird vernünftig gehandelt – diese Erwartung des Jahres 1992 war zu optimistisch.

Andererseits hat sich durchaus die Hoffnung erfüllt, dass wir hier in Potsdam wissenschaftlich innovativ und exzellent an relevanten Problemen der realen Welt arbeiten können. Das Institut ist heute eines der führenden weltweit, und ich kann seine Leitung guten Gewissens in neue Hände legen.

Sie haben viele wichtige Politiker beraten, die Bundeskanzlerin, den UN-Generalsekretär, die EU-Kommission. Sie haben Ihnen gerne zugehört, aber hat es auch etwas genützt?

Nun, beispielsweise ist das Zwei-Grad-Limit heute Völkerrecht. Das ist doch schon mal was.

Mit US-Präsident Trump ist aber sogar ein Klimaleugner zum mächtigsten Mann der Erde geworden. Vertrauen Sie darauf, dass das nur eine Episode in der Geschichte sein wird?

Trumps Wüten führt eher dazu, dass die Länder sich unterhaken, die an einer Klimastabilisierung arbeiten. Und auch in den USA selbst ist die Lage differenzierter, als das mancher bei uns wahrnehmen mag. Kalifornien, für sich genommen die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt, betreibt eine sehr ehrgeizige Klimapolitik.

Zugleich macht Trumps Isolationismus China groß, wo das Klimaproblem durchaus ernst genommen wird. Und Trump zeigt der EU, dass sie sich nicht auf den Onkel aus Amerika verlassen darf, sondern selbst handeln muss, auch klimapolitisch.

Wie ist es mit dem Papst? Dessen Umwelt-Enzyklika "Laudato Si'" ist ja teils auch von Ihnen inspiriert.

Die Enzyklika ist einer der entscheidenden Impulse für den Klimaschutz in diesem Jahrhundert, und sie hat gerade erst angefangen, ihre Wirkung zu entfalten. Die katholische Kirche ist immerhin die größte Mitgliederorganisation der Welt. Dass hier Glaube und Vernunft, Religion und Wissenschaft, zusammengearbeitet haben, ist schlicht großartig.

Ausgerechnet unter der Führung von "Klimakanzlerin" Merkel ist Deutschland beim Klimaschutz abgestürzt, der CO2-Ausstoß sinkt seit zehn Jahren nicht mehr. Da war sogar der "Genosse der Bosse" Gerhard Schröder mit seiner Regierung besser. Woran liegt das?

In der Tat ist das ein Skandal, den allerdings nicht allein die Politik zu verantworten hat, sondern vor allem die Wirtschaft. Viele Unternehmen sind hier eigentümlich mutlos. Und die Parteien trauen sich aus Angst vor den Rechtspopulisten der AfD gar keine politische Führung mehr zu.

Aber ich habe den Eindruck, dass sich die Dynamik gegenwärtig ändert. Die Lösung des Klimaproblems gewinnt wieder an Bedeutung.

Merkel ist Physikerin, sie weiß doch wohl, um was es geht ...

Das stimmt. Ich würde jedem raten, sie nicht zu unterschätzen.

Herr Schellnhuber, Sie sitzen in der Kohle-Kommission, die einen Ausstiegspfad für diesen besonders klimagefährlichen Energieträger entwickeln soll. Wann muss das letzte Kohlekraftwerk vom Netz? Im Jahr 2030, wie Greenpeace fordert?

Mit Vorfestlegungen in die Gespräche zu gehen ist kontraproduktiv. Andererseits ist klar, dass ein Enddatum 2045, wie es der brandenburgische Ministerpräsident Dietmar Woidke von der SPD ohne Not gefordert hat, klimawissenschaftlich keinen Sinn ergibt. Wir können viel früher in der Lausitz und den anderen Revieren zu einem guten Ende kommen – mit entsprechender Unterstützung für den Strukturwandel, für die Menschen vor Ort.

Es geht schließlich nur um relativ wenige Jobs, und es gibt viele gute Ideen für den Umbau. Wenn das reiche Hightech-Deutschland das nicht hinkriegt, dann schafft das auch keine andere Nation. Also müssen wir uns am Riemen reißen.

Wo sollen die Ersatzjobs herkommen?

Es gibt sehr viele neue Wertschöpfungsmöglichkeiten, unter anderem durch die Digitalisierung und die erneuerbaren Energien, aber auch durch die ökologische Landwirtschaft oder zukunftsfähigere Bauweisen. Wir arbeiten in der Kommission intensiv an Empfehlungen, und ich hoffe, diese weisen den richtigen Weg.

Lesen Sie hier Teil 1 des Interviews: "Dramatische Klimakrise oder rasche Transformation"

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