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Der Thunfisch wandert aus

Der Klimawandel bedroht die Meerestiere, gerade auch die zur Ernährung wichtigen, zeigt eine neue Studie. Ohne Klimaschutz sind neun von zehn Arten stark gefährdet. Besonders betroffen sind tropische Küsten-Ökosysteme.


Kopf eines Roten Thunfischs.
Der Rote Thun, auch Blauflossen-Thunfisch genannt, ist ausgewachsen etwa drei Meter lang. (Foto: Patou Ricard/​Pixabay)

Fisch und Meeresfrüchte sind für rund zehn Prozent der Weltbevölkerung überlebenswichtig. Rund 800 Millionen Menschen, vor allem in Entwicklungsländern, leben von Fang, Produktion, Verarbeitung und Verkauf.

Doch der Klimawandel bedroht einen Großteil der Tierarten, die in den oberen 100 Metern der Meere leben. Ohne eine ambitionierte Klimapolitik könnten marine Ökosysteme zusammenbrechen, was die Ernährungssicherheit von ärmeren Ländern gefährdet, die von Fischerei abhängen. Das ist die Quintessenz einer neuen Studie eines internationalen Forschungsteams.

Die Risiken des Klimawandels für Meerestiere sind zwar grundsätzlich bekannt. Die neue Studie schlüsselt die Gefährdung der marinen Ökosysteme allerdings deutlicher nach Arten und Regionen auf als die bisherigen Untersuchungen.

Das Team unter Leitung des Kanadiers Daniel Boyce entwickelte einen "Klimarisiko-Index", der angibt, wie stark die Meerestiere in verschiedenen Regionen von der Erwärmung des Wassers beeinflusst werden. Weitere Faktoren, die der Klimawandel ebenfalls verändert, wie die Versauerung der Meere oder der Sauerstoffschwund, wurden nicht berücksichtigt. Die Studie ist jetzt im Fachjournal Nature Climate Change erschienen.

Bereits heute verändert die Erwärmung die Ökosysteme schnell. Festzustellen ist das unter anderem daran, dass das Vorkommen der Meereslebewesen sich räumlich verschiebt. Arten wie der Rote Thunfisch, der normalerweise etwa im Mittelmeer zu finden ist, tauchen inzwischen auch in der Arktis auf, andere Arten wandern aus den Tropen ab.

"Diese – und viele andere – Veränderungen werden sich noch verstärken", kommentieren Boyce und sein Co-Autor Derek Tittensor. Das werde sich auf praktisch alle Lebewesen im Meer auswirken – "von Bakterien bis zu Walen". Als weiterer Risikofaktor gilt die Verschmutzung, vor allem in Küstenregionen.

Boyce und sein Team bestimmten das Klimarisiko für knapp 25.000 marine Arten. Sie analysierten dabei drei Faktoren. Erstens: Wie stark ist eine Tierart Veränderungen durch den Klimawandel ausgesetzt? Zweitens: Wie sensibel reagiert sie auf diese Veränderungen? Drittens: Wie gut ist die Art darin, sich anzupassen?

Die Wissenschaftler:innen legten dabei die optimistischste und die pessimistischste Prognose des Weltklimarates IPCC zur globalen Erwärmung zugrunde. Es zeigte sich: Selbst wenn der Pariser Klimavertrag eingehalten wird, sind im Jahr 2100 rund 55 Prozent der betrachteten Arten auf im Schnitt etwa der Hälfte ihres Verbreitungsgebiets stark gefährdet.

Im pessimistischen Szenario wird es noch deutlich dramatischer. Dann sind sogar 87 Prozent der Arten gefährdet, und zwar auf 85 Prozent des jeweiligen Gebiets. Besonders betroffen sind generell tropische Küsten-Ökosysteme, für polare Regionen ist das Risiko geringer.

"Das Risiko für einzelne Arten könnte geringer sein"

Die Expert:innen betonen die daraus erwachsende Gefahr für die Ernährungssicherheit, denn gerade in Entwicklungsländern, die stark von Fischerei abhängig sind, seien befischte Arten durch den Klimawandel besonders gefährdet. Sie betonen daher, wie wichtig es auch unter diesem Gesichtspunkt ist, das Zwei-Grad-Limit einzuhalten.

Außerdem könnten die Ergebnisse der Studie genutzt werden, um Regionen zu finden, in denen die Einrichtung von Meeresschutzgebieten besonders viel bringen würde. Auf internationaler Eben wird das Ziel diskutiert, 30 Prozent der Fläche der Ozeane unter Schutz zu stellen. Im Dezember will der Weltbiodiversitätsrat IPBES darüber beraten.

Andere Expert:innen betonten in einer Reaktion auf die neue Studie, dass die ermittelte "Gefährdung" von Arten nicht zwangsläufig ihr Aussterben bedeute. Der Biologe Sebastian Ferse vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) in Bremen verwies darauf, dass vor allem tropische Meerestiere in andere, weniger warme Regionen ausweichen könnten. "Das tatsächliche Risiko für einzelne Arten kann daher also geringer sein, als in der Studie berechnet", sagte er.

Trotzdem seien die Ergebnisse alarmierend. "Die Tatsache, dass auch beim optimistischsten Szenario immer noch über die Hälfte aller Arten am Ende des Jahrhunderts in ihrem gesamten jetzigen Verbreitungsgebiet stark bedroht sind, ist dramatisch."

Die Zoologin Angelika Brandt vom Senckenberg-Forschungsinstitut in Frankfurt am Main wie darauf hin, dass es in der Studie hauptsächlich um Meeresarten gehe, die fischereiwirtschaftlich interessant sind, "nicht so sehr um die marine Biodiversität per se". Der größte Teil des bewohnbaren Raumes der Ozeane sei die Tiefsee, die in dieser Untersuchung ausdrücklich nicht berücksichtigt werde.

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