Australiens Katastrophen, vernetzte Klimakompetenz und das fossile Sicherheitsrisiko

Kalenderwoche 10: Mit Putins Krieg wird vielen klar, dass fossile Abhängigkeiten ein hohes Sicherheitsrisiko sind und eine schnelle Energiewende unmittelbar positiv wirkt, sagt Friederike Otto, Klimaforscherin am Imperial College London und Mitglied des Herausgeberrates von Klimareporter°. Der Krieg zeige auch: Es funktioniert nicht, Krisen gegeneinander auszuspielen.


Porträtaufnahme von Friederike Otto.
Friederike Otto. (Foto: David Fisher)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrats erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Friederike Otto, Klimaforscherin am Grantham Institute for Climate Change and the Environment des Imperial College London.

Klimareporter°: Frau Otto, kürzlich legte der Weltklimarat einen Bericht zu den alarmierenden Folgen selbst einer nur geringen Erderwärmung vor. In einigen Wochen erscheint der nächste Teilbericht mit einer Bestandsaufnahme, ob die Politik die richtigen Weichen zur Einhaltung des Paris-Abkommens stellt. Die Debatte wird jetzt aber von Putins Krieg in der Ukraine beherrscht. Gerät die Klimakrise erneut ins Hintertreffen?

Friederike Otto: Ja und nein. Die Veröffentlichung des Berichts der Arbeitsgruppe Zwei hat definitiv sehr wenig Aufmerksamkeit erhalten. Viel zu wenig, gerade weil der Bericht ja nicht nur aufzeigt, dass der Klimawandel hier und jetzt viele Opfer fordert, sondern auch, dass und wie wir uns, zumindest zu großen Teilen, anpassen können. Da war die Kommunikation wirklich schlecht.

Im Zusammenhang mit Putins Krieg wird vielen allerdings klar, dass die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen auch ein hohes Sicherheitsrisiko ist und ein schnellerer Umbau zu erneuerbaren Energien unmittelbar spürbare positive Konsequenzen hat.

Insofern zeigt der Krieg deutlich, dass es wirklich nicht funktioniert, Krisen gegeneinander auszuspielen.

Der Green Deal der EU ist eine Wachstumsstrategie und weitgehend geschlechtsblind, heißt es in einer Analyse der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. In Schlüsselbereichen wie Energie, Verkehr und Landwirtschaft listet der Bericht zahlreiche Lücken beim Green Deal mit Blick auf die Gleichstellung auf. Die Autor:innen plädieren für eine feministische Wohlfahrtsökonomie, die die Pflege von Mensch und Natur in den Mittelpunkt stellt und nicht das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts. Wie ist Ihre Sicht auf dieses Problem?

Es ist lange bekannt, dass auch aus ökonomischer Sicht intersektionale Strategien besser funktionieren, um Ziele in einzelnen Bereichen zu erreichen. Natürlich ist das nicht anders, wenn es um europäische Wirtschafts- und Umweltpolitik geht.

Politik sollte so gemacht werden, dass Gerechtigkeit maximiert wird, aber eben nicht nur für Teilbereiche der Gesellschaft wie bisher, sondern für alle Bereiche. Dann profitieren auch alle, inklusive der Umwelt.

Aber während dies akademisch ein alter Hut ist, haben wir fast alle eine stark fachbegrenzte Ausbildung erhalten und es fehlt schlicht an Know-how bei denjenigen, die solche Strategien entwickeln. Um gesellschaftlichen Fortschritt zu beschleunigen, müssen wir deshalb viel stärker in interdisziplinäre Bildung und Vernetzung investieren.

Das Gleiche gilt für Klimakompetenz. Solange die nicht in allen Ressorts vorhanden ist, werden wir die Klimaziele nicht erreichen.

An der australischen Ostküste gab es eine Jahrhundertflut, die die Jahrhundertfluten davor erneut übertraf und wahrhaft biblische Dimensionen annahm. Gibt es schon Erkenntnisse, ob und inwieweit hier der Klimawandel eine Rolle spielte?

Es ist noch keine Attributionsstudie zu dieser Flut durchgeführt worden. Auf jeden Fall wissen wir, dass solche Extremereignisse in einer wärmeren Welt häufiger auftreten werden. Und die steigende Zahl der Todesopfer, anhaltende Evakuierungen und zerstörte Häuser machen dieses Ereignis zu einer der extremsten Naturkatastrophen in der kolonialen australischen Geschichte.

Dokumentarische Berichte und Aufzeichnungen durch Instrumente zeigen, dass die Städte und Gemeinden im Süden von Queensland in den 1820er, frühen 1840er und 1890er Jahren, 1931, 1974 und im Sommer 2010/2011 schwere Überschwemmungen erlitten haben. Jedes dieser Ereignisse war verheerend und rekordverdächtig, je nachdem, um welchen Rekord es geht.

Ob der Klimawandel diesmal die Intensität und Wahrscheinlichkeit beeinflusst hat, ist ohne eine konkrete Studie nicht zu sagen, da es sich um eine Region mit starken natürlichen Schwankungen handelt – wegen der Auswirkungen von La Niña und seinem Gegenstück El Niño.

Mit anderen Worten, im globalen Mittel gibt es ein Klimawandelsignal, die Ausprägungen sind regional allerdings sehr unterschiedlich. Ob ein vom Menschen verursachtes Signal des Klimawandels in dieser Region vorhanden ist, ist aufgrund der natürlich hohen Variabilität schwer zu erkennen.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Dass der australische Premierminister Scott Morrison sich dazu hinreißen ließ zu erklären, dass die Welt jetzt "einem anderen Klima gegenübersteht als dem, mit dem wir es zuvor zu tun hatten". Dieses Eingeständnis hatte ihn nach den verheerenden Buschbränden vor zwei Jahren deutlich mehr Zeit gekostet.

Natürlich sind das erstmal nur Worte, aber vielleicht wird auch Australien bald nicht nur "netto null bis 2050" sagen, sondern auch eigene Gesetze dafür erlassen.

Fragen: Jörg Staude

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