Der Wald ist wegen der Klimaerwärmung in einer schweren Krise. Fachleute sprechen von einem "Waldsterben 2.0", das gravierender ist als die Schäden im Forst, die in den 1980er Jahren aufgrund der damals hohen Schadstoffbelastung aus Kohlekraftwerken und Autos ohne Abgas-Katalysator auftraten.
Tatsächlich steht Deutschland vor der größten Wiederaufforstungsaufgabe seit dem Zweiten Weltkrieg. Eine neue Untersuchung zeigt nun den Wert dieser Maßnahme: Es entsteht nicht nur ein ökologischer Schutzraum neu, jeder in die Aufforstung investierte Euro generiert auch eine hohe messbare Gemeinwohl-Rendite, nämlich einen Gewinn von satten 1.100 Prozent.
Die geschädigte Waldfläche in Deutschland ist besonders seit dem Trockenjahr 2018 erheblich angewachsen. Laut dem jüngsten Waldzustandsbericht der Bundesregierung sind rund 525.000 Hektar durch zu wenig Niederschläge, Stürme und Borkenkäfer so stark in Mitleidenschaft gezogen, dass sie wiederaufgeforstet werden müssen.
Besonders Fichtenbestände sind betroffen, aber auch Laubbäume wie Buchen und Eichen. Der Waldzustandsbericht zeigt, dass auch über 80 Prozent der noch vorhandenen Bäume Schäden, etwa Kronenverlichtungen, aufweisen – trotz des nassen Jahres 2024.
So viel Aufforstung wie die ganze Waldfläche Thüringens
Wie groß die Aufgabe ist, zeigt ein Flächenvergleich: 525.000 Hektar entsprechen mehr als der doppelten Fläche des Saarlandes oder der gesamten Waldfläche Thüringens.
Besonders betroffen sind Fichtenwälder in Mittelgebirgen wie dem Harz und dem Thüringer Wald sowie in Teilen von Nordrhein-Westfalen und Hessen. Dort zeigt sich ein Bild der Zerstörung: abgestorbene Bäume, kahle Flächen, entwurzelte Baumstümpfe.
Viele der noch aus Zeiten der Wiederaufforstung nach dem Zweiten Weltkrieg stammenden Monokulturen sind besonders anfällig. Das Problem hier: Ihre geringe Artenvielfalt verringert die Widerstandsfähigkeit gegenüber Schädlingsbefall und Klimaerwärmung.
Die Folgen sind nicht nur ökologisch gravierend, sondern auch ökonomisch: Die Holzpreise schwanken stark, und wer selbst Wald besitzt, steht vor enormen Herausforderungen.
Eine neue Studie des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) in Berlin zeigt nun, dass sich Investitionen in klimastabile Mischwälder für die Gesellschaft auch ökonomisch sehr auszahlen. Jeder hier investierte Euro generiert danach einen Wert von zwölf Euro, und zwar konservativ geschätzt.
Eingerechnet sind herbei die positiven ökonomischen Effekte durch Speicherung von CO2, Luftfilterung, Nährstoff-Rückhaltung sowie Landschaftsaufwertung. "Die Gemeinwohl-Rendite jedes Euro beträgt damit elf Euro, dies entspricht einem Zuwachs von 1.100 Prozent", rechnet das IÖW vor.
Ein Hektar wiederaufgeforsteter Mischwald – also eine Fläche von 100 mal 100 Metern – liefert damit einen gesellschaftlichen Nutzen im Wert von rund 200.000 Euro. In Auftrag gegeben wurde die Studie ("Der Wert der Wiederaufforstung") vom Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), dem Spitzenverband der genossenschaftlichen Bankengruppe in Deutschland.
Das Resümee von Studien-Leiter Jesko Hirschfeld vom IÖW: "Die Ergebnisse unterstreichen die ökonomische und gesellschaftliche Relevanz von Wiederaufforstungen und zeigen, dass sich Investitionen aus gesellschaftlicher Perspektive um ein Vielfaches auszahlen."
Klima-Initiative der genossenschaftlichen Banken
Die "Leistungen" des Waldes wurden in der Untersuchung mit anerkannten Methoden der Umweltökonomie bewertet, unter anderem mit dem Schadenskostenansatz des Umweltbundesamtes. Die Speicherung einer Tonne CO2 in der Holzmasse eines neu gepflanzten Baumes zum Beispiel geht hier mit 300 Euro ein, da dadurch entsprechende Klimafolgeschäden vermieden werden.
Die tatsächlichen Erträge dürften jedoch noch deutlich höher sein, betonen die IÖW-Fachleute, da viele weitere Ökosystemleistungen – wie Biodiversität, Temperaturregulierung oder Wasserspeicherung – noch zusätzlich zu berücksichtigen wären.
Weiterer Punkt hierbei: Die Kosten der Wiederaufforstung wurden vergleichsweise hoch veranschlagt, nämlich mit 17.000 Euro pro Hektar. An vielen Standorten könnten die Maßnahmen auch günstiger ausgeführt werden, so das Institut.
Die neue Studie entstand im Rahmen der bundesweiten Klima-Initiative "Morgen kann kommen", die von den Volks- und Raiffeisenbanken 2022 gestartet wurde – in dem vierten extremen Trockenjahr seit 2018; nur 2021 war bei den Niederschlägen relativ "normal" gewesen. Die Initiative will einen Beitrag zur Aufforstung der heimischen Wälder leisten.
Bisher wurden damit laut BVR-Angaben mehr als eine Million Setzlinge finanziert und zu großen Teilen mit Unterstützung der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) in die Erde gebracht. Für die Fläche von 560 Hektar, die im Juli 2024 beim Start der IÖW-Studie erreicht war, summiert sich der gesellschaftliche Wert der Wiederaufforstung auf über 100 Millionen Euro.
"Mit der Wiederaufforstung unserer Wälder unterstützen wir langfristig die natürlichen Lebensgrundlagen unserer Regionen", sagte BVR-Präsidentin Marija Kolak. "Deshalb ist es ein ureigenes Interesse der Volksbanken und Raiffeisenbanken, sich für den Erhalt dieser gesellschaftlichen Werte einzusetzen."
Waldumbau-Mittel reichen nicht aus
Klar ist allerdings: Eine durchgreifende bundesweite Wiederaufforstung samt Waldumbau mit zukunftsfähigen Konzepte erfordert insgesamt mehr Geld, als die öffentlichen Hand bisher dafür aufbringt.
Bund und Länder stellten seit 2019, als das neue Waldsterben virulent wurde und auch die Öffentlichkeit erschreckte, durchaus stattliche Summen für Aufforstung und Waldumbau bereit – laut Bundeslandwirtschaftsministerium waren es für 2020 bis 2023 zum Beispiel rund 870 Millionen Euro.
Für das laufende Jahr hat der Bund 125 Millionen Euro dafür eingeplant, die aus dem Klima- und Transformationsfonds stammen sollen. Außerdem gibt es zinsverbilligte Kredite für die Waldeigentümer.
Die praktische Erfahrung zeigt jedoch, dass die Förderungen oft nicht ausreichen, um die tatsächlichen Pflanzkosten abzudecken. Das führt gerade bei privaten Waldbesitzern dazu, dass sie nicht aktiv werden – der Anteil unbewirtschafteter Kalamitätsflächen wächst.
Das aber bedeutet, legt man die IÖW-Kalkulation zugrunde, einen sehr großen gesamtwirtschaftlichen Verlust, der später viel teuer kommt, weil die nicht vermiedenen Klima- und Umweltschäden explodieren.
Die Volksbanken und Raiffeisenbanken haben ein Spendenportal zur Wiederaufforstung eingerichtet, über das sich Bürgerinnen und Bürger ab einem Einsatz von 7,50 Euro an Pflanzaktionen beteiligen können.
Damit werden Setzlinge finanziert, die anschließend gemeinsam mit der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) in zwölf regionalen Waldgebieten Deutschlands ausgebracht werden.
