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Mehr Öl, mehr Ökostrom und zu wenig Effizienz

Für das Weltklima hält der neue Weltenergiebericht der IEA keine guten Nachrichten bereit. Bei den energiebedingten CO2-Emissionen ist eine Trendwende nicht in Sicht. Der globale Ölverbrauch soll bis 2040 weiter wachsen. Kritiker halten die Organisation für industriegelenkt.


Carbon Majors
Liegt die Ignoranz der IEA-Szenarien gegenüber dem Klimaschutz an den Auftraggebern? (Foto: Carbon Majors Report)

Der globale Energiebedarf wird bis 2040 weiter wachsen. Das sagt die Internationale Energie-Agentur IEA in ihrem jetzt veröffentlichten Weltenergiebericht 2019 voraus. Auch wenn künftig mehr und billigerer Ökostrom eingesetzt wird, ist die Welt noch weit davon entfernt, auf eine nachhaltige Entwicklung einzuschwenken, warnt die IEA, die führende Industrie- und Schwellenländer berät.

Konkret beziffert die IEA den jährlichen Anstieg des Energiebedarfs auf bis zu 1,3 Prozent, vorausgesetzt, die Politik der führenden Länder bewegt sich weiter im derzeitigen, nicht nachhaltigen Rahmen. Hochgerechnet bedeutet das: In 20 Jahren würde etwa ein Drittel mehr Energie als heute verbraucht.

Haupttreiber ist die unverändert hohe und weiter steigende Öl-Nachfrage. "Das Wachstum der Nachfrage bleibt bis 2025 robust", erklärte IEA-Direktor Fatih Birol. Bis Mitte des kommenden Jahrzehnts rechnet die Organisation damit, dass die globale Ölnachfrage um eine Million Barrel pro Tag zunimmt, in den 2030er Jahren soll dann der tägliche Zuwachs auf 100.000 Barrel "abflachen".

In absoluten Zahlen: 2018 lag die globale Nachfrage nach Rohöl bei rund 97 Millionen Barrel pro Tag, 2030 sollen es 105 Millionen und 2040 dann 106 Millionen Barrel sein.

Um dem energie- wie klimapolitischen Desaster zu entgehen, setzt die IEA nach wie vor große Hoffnungen in die Energieeffizienz. Diese müsse sich für eine nachhaltige Entwicklung jährlich um drei Prozent verbessern, heißt es im aktuellen Bericht. Tatsächlich jedoch lag die Rate 2018 bei nur noch 1,2 Prozent und damit nur noch halb so hoch wie der Schnitt der Jahre seit 2010.

In Deutschland klingt der IEA-Optimismus hohl

Zweiter Hoffnungsträger der IEA ist erneut der wachsende Verbrauch von Ökostrom. Im Jahr 2040 soll grüner Strom größere Anteile des Energiebedarfs abdecken als Öl – und fast das gesamte Plus bei der Öko-Stromerzeugung soll aus neu installierten Wind- und Solaranlagen kommen.

So viel Optimismus klingt, was zum Beispiel Deutschland betrifft, wenig glaubwürdig – angesichts einer hiesigen Regierungspolitik, die die Windkraft praktisch in die Tonne tritt.

Am Mittwoch schickten mehrere große Verbände wie BDI (Industrie), BDEW (Energie), BWE (Windkraft) und VKU (Kommunen) einen Brandbrief an die Bundesregierung und beklagten, dass mit den momentan diskutierten Vorschlägen für Mindestabstände der Windkraft-Ausbau an Land "auf lange Zeit massiv erschwert, unter Umständen sogar zum Erliegen kommen wird – ohne jeglichen Mehrwert für die Verbesserung der Akzeptanz".

Ihnen sei "unerklärlich", so die Verbände, dass an bundeseinheitlichen Mindestabständen festgehalten wird, obwohl klar sei, dass damit das Ziel von 65 Prozent Erneuerbaren im Jahr 2030 nicht eingehalten werden kann.

"Ist die IEA nur inkompetent oder tatsächlich korrupt?"

Mit ihren Prognosen, durch mehr Effizienz und durch sinkende Kosten bei den erneuerbaren Energien ließen sich die CO2-Emissionen reduzieren, lag die Weltenergieagentur regelmäßig daneben. So hatte die IEA, wie sie im neuen Bericht selbst einräumt, die Regierungen im Jahr 2008 aufgefordert, die Konjunkturflaute in der damaligen globalen Finanzkrise zu nutzen, um in neue Industrie- und Stromanlagen zu investieren und damit einen alternativen und klimafreundlichen Weg einzuschlagen.

Dann könnten, so die damalige Prognose, die globalen energiebedingten CO2-Emissionen im Jahr 2018 höchstens bei etwas mehr als 31 Milliarden Tonnen liegen.

Doch obwohl seitdem der Pariser Klimavertrag abgeschlossen wurde, der Einsatz erneuerbaren Stroms rapide zunahm und in den USA sowie in China die Kohle von Erdgas verdrängt wurde, kletterten die energiebedingten CO2-Emissionen 2018 auf 33,2 Milliarden Tonnen – ein neuer historischer Höchststand, bedauert die IEA heute und schließt: Die Beharrungskräfte bei der Energiepolitik seien bisher stärker als die Kräfte des Wandels.

Die Welt müsse dringend den Schwerpunkt darauf legen, die Emissionen zu vermindern, fordert nun IEA-Direktor Birol. Nötig sei eine "breite Koalition", die Regierungen, Investoren, Unternehmen und diejenigen einschließe, die für den Klimaschutz eintreten.

"Warum verzerren IEA-Szenarien immer wieder die Nutzung fossiler Brennstoffe und kümmern sich nicht um den Erfolg des Klimaschutzes?", fragt dagegen Stephen Kretzmann von Oil Change International (OCI), einer fossilkritischen Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Washington.

Aus seiner Sicht sind die Weltenergieberichte nicht viel wert angesichts des Umstandes, dass mehr als 25 Prozent der Stimmen im IEA-Verwaltungsrat die USA, der weltweit führende Öl- und Gasproduzent, innehaben. Kretzmann wird deutlich: "Ist die IEA nur inkompetent oder ist die Institution tatsächlich korrupt und von der Industrie gekapert?"

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