Deutschland kam 2019 dem Klimaziel näher

Um etwa 35 Prozent sind Deutschlands CO2-Emissionen von 1990 bis Ende 2019 gesunken. Das schätzt der Thinktank Agora Energiewende in seiner Jahresauswertung für den Stromsektor, die Klimareporter° vorliegt.


Eine Frau hält einen sehr großen schwarzen Ballon mit der Aufschrift
Weil Kohleblöcke 2019 weniger liefen oder wie hier im rheinischen Neurath vom Netz gingen, kommt Deutschland seinem Klimaziel näher als gedacht. (Foto: Jörg Farys/​BUND/​Flickr)

Kann die Bundesregierung ihr schon abgeschriebenes Klimaziel für 2020 am Ende doch noch als "nahezu erreicht" abhaken? Eine am Montag bekannt gewordene Jahresauswertung der Denkfabrik Agora Energiewende, die Klimareporter° vorliegt, rückt das in den Bereich des Möglichen.

"Die Energiewende im Stromsektor: Stand der Dinge 2019" heißt die Analyse, der zufolge Deutschlands CO2-Emissionen von 1990 bis Ende 2019 wahrscheinlich um rund 35 Prozent gesunken sind.

Bleibt es dabei auch in der offiziellen CO2-Bilanz für 2019, die das Umweltbundesamt (UBA) wie in jedem Jahr erst im April vorlegt, käme dies laut der Agora-Auswertung einer absoluten Minderung um etwa 55 Millionen Tonnen gleich.

Insgesamt hat Deutschland demnach im letzten Jahr etwa 811 Millionen Tonnen CO2 ausgestoßen – gegenüber knapp 866 Millionen Tonnen 2018. Die Lücke, um das deutsche Klimaziel für 2020 von minus 40 Prozent gegenüber 1990 zu erreichen, liegt für Agora Energiewende jetzt noch bei gut 65 Millionen Tonnen CO2. Für den Thinktank ist das 2020er Ziel damit "überraschend in greifbare Nähe" gerückt.

Ganz so außergewöhnlich ist die im vergangenen Jahr erzielte Senkung aber nicht. Bereits 2018 waren die deutschen CO2-Emissionen um rund 41 Millionen Tonnen gegenüber dem Vorjahr gesunken. 2018 war damit nach vier Jahren Stagnation erstmals wieder eine nennenswerte Reduzierung erzielt worden, schrieb das UBA im vergangenen April. Bis Ende 2018 hatte Deutschland seine Klima-Emissionen seit 1990 erst um rund 31 Prozent verringert und war noch weit vom 40-Prozent-Ziel entfernt.

Im Jahr 2019 ist der einzige Grund für den CO2-Rückgang der sinkende Einsatz von Kohle in der Stromwirtschaft. Besonders der höhere CO2-Preis im EU-Emissionshandel habe die klimaschädliche Stromgewinnung aus Stein- und Braunkohle weniger rentabel gemacht, so Agora Energiewende.

Die Stromerzeugung aus Steinkohle sei um 31 und die aus Braunkohle um 22 Prozent eingebrochen. Dabei habe die Braunkohle erstmals in der Geschichte einen derartigen Rückgang erlebt und nähere sich, was bei der Steinkohle bereits länger der Fall sei, einem marktgetriebenen Ausstieg. Davon hätten auch Gaskraftwerke profitiert. Die erneuerbaren Energien hätten dagegen einen Rekordanteil von 42,6 Prozent am Stromverbrauch gedeckt.

Verbrauch von Diesel, Benzin und Heizöl nahm zu

Offenbar schlägt sich auch die fortgesetzte Abschaltung großer Braunkohleblöcke durch die sogenannte Sicherheitsbereitschaft in der CO2-Bilanz nieder, auch wenn das in der Jahresauswertung nicht explizit erwähnt wird. Im Herbst 2018 waren im Lausitzer und im rheinischen Revier insgesamt rund 1.100 Megawatt Braunkohlestrom aus der Erzeugung genommen worden. Allein der dabei stillgelegte 500-Megawatt-Block im Lausitzer Kraftwerk Jänschwalde hätte im ganzen Jahr 2018 im normalen Betrieb um die vier Millionen Tonnen CO2 emittiert.

Hilfreich war offensichtlich auch, dass laut der Agora-Auswertung der Stromverbrauch 2019 mit 569 Milliarden Kilowattstunden der geringste in den letzten 20 Jahren war, geringer noch als im Krisenjahr 2009. Als Ursachen sieht der Thinktank die mäßige Konjunktur in der Industrie an, den warmen Winter sowie stetige Effizienzverbesserungen.

Während 2018 die Emissionen im Verkehr nach den UBA-Angaben um etwa fünf Millionen Tonnen oder 2,9 Prozent sanken, sind diese Treibhausgas-Emissionen 2019 sogar gestiegen – auch wegen des SUV-Trends, wie Agora Energiewende anmerkt. Auch der Verbrauch von Diesel und Benzin habe im letzten Jahr zugenommen, ebenso der von Heizöl.

Für die Jahre nach 2020 warnt Agora-Direktor Patrick Graichen: "Es besteht die Gefahr, dass – nach dem Rückgang der Emissionen in den vergangenen beiden Jahren – im Zeitraum 2020 bis 2022 wieder ein Anstieg folgt." Um das zu verhindern, müssten die Erneuerbaren stärker ausgebaut werden, um den 2022 abzuschließenden Atomausstieg auszugleichen und auch, um genügend Strom für Elektroautos und Wärmepumpen zu erzeugen.

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