Porträtaufnahme von Oliver Hummel.
Oliver Hummel. (Foto: Naturstrom AG)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrates erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Oliver Hummel, Vorstand beim Öko-Energieversorger Naturstrom.

Klimareporter°: Herr Hummel, am Dienstag haben die Parteichefs von SPD, Grünen und FDP die Ergebnisse des Koalitionsausschusses verkündet. Aus Klimabewegung, Umweltverbänden und Opposition ertönt Kritik. Was bedeuten die Beschlüsse für die Energiewende?

Oliver Hummel: Wenn wir die Energiewende sektorenübergreifend denken, also inklusive Verkehr und Wärme, ist die Bilanz sehr durchwachsen. Positiv ist die Ankündigung, das Bundes-Immissionsschutzgesetz zu novellieren – das verspricht mehr Tempo bei Genehmigungsverfahren im Windbereich.

Auch die Flächenkulisse auszuweiten und den Kommunen hierbei größere Spielräume zu geben, ist richtig. Denn die aktuelle Knappheit verlangsamt nicht nur den Ausbau der Erneuerbaren, sondern treibt auch massiv die Kosten für Grundstückspachten hoch – am langen Ende zulasten der Stromkund:innen.

Jenseits des Stromsektors sieht es allerdings düster aus. Dass im Verkehrssektor nun ausgerechnet bei 144 Autobahnprojekten mehr Tempo gemacht werden soll, ist ein fatales Signal. Den Eindruck, dass die Koalition den Klimaschutz im Verkehr nicht entscheidend voranbringen kann oder will, können auch kleine Lichtblicke wie Verbesserungen im Carsharinggesetz bei mir nicht ausräumen.

Und bei der Novelle des Gebäudeenergiegesetzes stehen nun einige Hintertüren wieder sperrangelweit auf. Dass neue Heizungen nur "möglichst" zu 65 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben werden sollen, lässt jedenfalls nichts Gutes erahnen.

Welche Folgen wird das Ende verbindlicher jährlicher Sektorziele im Klimagesetz für die deutsche Klimapolitik haben?

Wer seine Ziele erreichen will, muss Verantwortlichkeiten klar zuordnen. In diesem Sinne sind die Beschlüsse des Koalitionsausschusses zum Klimaschutzgesetz ein Rückschritt. Die Verantwortung liegt recht schwammig bei der Bundesregierung. Damit können sich die für die einzelnen Sektoren zuständigen Minister:innen prima gegenseitig den schwarzen Peter zuschieben, wenn in der zusammenfassenden Betrachtung der Emissionen eine Zielverfehlung droht.

Da konkrete Maßnahmen zum Gegensteuern erst dann ergriffen werden, wenn die Projektionsdaten in zwei aufeinanderfolgenden Jahren eine Zielverfehlung aufzeigen, werden Gegenmaßnahmen nach meiner Befürchtung zu spät greifen.

Es ist schon wirklich bedauerlich, dass bereits im Koalitionsvertrag eine Reform des Klimaschutzgesetzes in diese Richtung angekündigt war. Insofern kann jetzt keiner wirklich überrascht sein – besser macht es das aber auch nicht.

Diesen Monat werden die letzten Atomkraftwerke in Deutschland abgestellt. War die Laufzeitverlängerung rückblickend nötig? Oder kommt das Ende gar zu früh?

Nein, sie war nicht nötig. Der Nutzen – besonders mit dem Ziel, die Börsenstrompreise zu senken – wurde ja schon im letzten Spätherbst von etlichen Wissenschaftlern angezweifelt. Man muss beim Rückblick aber auch ehrlicherweise sagen, dass uns das Wetter im Winter auf keine harte Probe gestellt hat.

Jedenfalls ist es gut, dass wir das Kapitel Atomkraft ab April endlich abschließen können. Auch persönlich freut mich das sehr, schließlich ist Naturstrom vor 25 Jahren mit dem Ziel angetreten, Atom und Kohle überflüssig zu machen. Nun können hoffentlich auch in der Politik alle Akteure den Blick dauerhaft nach vorne und auf die wirklich zukunftsfähigen Lösungen richten.

Gas- und Strompreis sinken weiter und nähern sich langsam wieder dem Niveau vor dem russischen Angriff auf die Ukraine. Erwarten Sie, dass der Strompreis auch in den kommenden Monaten fällt oder könnte er durch das AKW-Aus wieder ansteigen?

Ich halte es für wahrscheinlich, dass sich die Preise ungefähr auf dem aktuellen Niveau einpendeln – und somit zwar höher bleiben, als wir das aus Vorkrisenzeiten gewöhnt sind, zugleich aber auch Welten entfernt von den Rekorden des vergangenen Jahres liegen werden.

Zum Sommer hin wird die vermehrte Solarstromerzeugung die Preise drücken. Und überhaupt: Jede neue Solaranlage und jedes neue Windrad senken die Großhandelspreise. Auch deshalb müssen wir beim Ausbautempo auf die Tube drücken.

Hinzu kommt, dass die Gasspeicher zum Ende der Heizsaison noch gut gefüllt sind und die Chance besteht, die Beschaffung für den nächsten Herbst ohne Panik anzugehen. Allerdings werden Erdgas aus europäischen Ländern und LNG auch in Zukunft teurer bleiben als russisches Pipeline-Gas, allein deshalb werden die Strom- und Gaspreise im Großhandel nicht dauerhaft bis aufs alte Niveau fallen.

Und auch bei der französischen AKW-Flotte muss man gespannt sein, wie sie durch den Sommer kommt. Wenn Deutschland wieder wie im letzten Jahr mit Strom aushelfen muss, treibt das natürlich den Preis.

Der Atomausstieg ist übrigens am Terminmarkt längst eingepreist. Am Spotmarkt kann das Abschalten der Reaktoren kurzfristig leicht preiserhöhend wirken, mittelfristig und auch mit Blick auf die Endkundenpreise sehe ich aber keine relevanten Auswirkungen. Im letzten Jahr lag der Anteil der Atomkraftwerke an der Bruttostromerzeugung in Deutschland noch bei ganzen 6,5 Prozent.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Am Donnerstag haben sich die Verhandler der EU-Staaten, der Europäischen Kommission und des EU-Parlaments endlich auf ein neues Ziel für den Ausbau der erneuerbaren Energien geeinigt. 42,5 Prozent des Energieverbrauchs in der EU sollen bis 2030 aus erneuerbaren Quellen kommen.

Das klingt bescheidener, als es ist, denn es geht um den gesamten Energiebedarf, nicht nur den Stromsektor. Trotzdem: Mehr wäre nötig und möglich gewesen, Kommission und Parlament waren mit 45 Prozent ins Rennen gegangen.

Bei dem Gesamtpaket der EU-Erneuerbaren-Richtlinie, das da beschlossen wurde, wird die Analyse der nächste Tage sicherlich noch das eine oder andere Haar in der Suppe zutage fördern. Trotzdem bin ich nach dem endlos anmutenden Verhandlungsprozess erleichtert und auch ein Stück weit überrascht, dass der Knoten nun endlich geplatzt ist.

Fragen: David Zauner