Raus aus der Gaskrise

Die Bundesregierung tut zu wenig, um die unvermindert drohende Erdgaskrise zu entschärfen. Sie muss das Einsparen aktiv voranbringen, eine Werbekampagne reicht dafür nicht. Andere EU-Länder setzen bereits auf klare Vorgaben.


Eine Hand stellt einen Wandthermostat auf 19 Grad ein.
Vorgaben bringen beim Energiesparen mehr als Appelle. (Foto: Olivier Le Moal/​Shutterstock)

Es gab nun schon drei Hitzewellen in diesem Jahr, nach einem warmen Frühjahr und Winter. Und es ist, wieder mal, viel zu trocken. Deutschland schwitzt und ächzt, und die Stadtbäume werfen ihre Blätter ab.

Frage: Wofür waren diese weißen Dinger unter den Fenstern nochmal da? Bisschen viel verlangt, an die nächste Heizperiode zu denken? Unter normalen Umständen schon. Doch die Umstände, in denen wir leben, sind nicht normal. Spätestens seit dem 24. Februar nicht mehr.

Natürlich denken viele durchaus an den nächsten Winter, und besonders diejenigen, die die neue Abschlagsrechnung ihres Erdgas-Versorgers in Händen halten. Niemand weiß, wie knapp der Rohstoff sein wird, mit dem die Hälfte der deutschen Wohnungen beheizt wird und an dem Millionen Arbeitsplätze hängen.

Momentan sieht es mit dem Füllstand der Gasspeicher ganz gut aus, obwohl Russland über die Pipeline Nord Stream 1 wenig liefert. Er liegt bei 70 Prozent, und er steigt weiter. Doch das kann sich schnell ändern, wenn die Heizperiode beginnt.

Bundesregierung und Gaskonzerne haben viel unternommen, um Putins Gas zu ersetzen. Norwegen und die Niederlande liefern mehr, das wird ergänzt durch Flüssigerdgas aus Übersee, das über das europäische Netz eingespeist wird.

Hinzu kommt, dass der Gasverbrauch, die warme Witterung herausgerechnet, im ersten Halbjahr um zwar nicht sensationelle, aber spürbare fünf bis sechs Prozent zurückgegangen ist. Außerdem ist Hochsommer und der Gasbedarf gering.

Auch in der Industrie gibt es laut dem Verband DIHK bereits einen spürbar rückläufigen Gasverbrauch. Die Energie ist so teuer geworden, dass zahlreiche Betriebe bereits Teile ihrer Produktion stillgelegt haben.

Habeck setzt zu sehr auf Freiwilligkeit

Bisher reicht das aus, um die Gasspeicher aufzufüllen – und eine Entspannung zu signalisieren, die trügerisch sein kann. Die Bundesregierung jedenfalls tut zu wenig, um die weiterhin unvermindert drohende Gaskrise zu entschärfen. Die Ampel scheint abgelenkt durch die Debatte, ob die drei restlichen Atomkraftwerke nun länger laufen sollen oder nicht. Und wenn ja, wie lange.

Dabei ist bekannt, dass ein "Streckbetrieb" und auch Laufzeiten über 2023 hinaus nur wenig Gas einsparen können. Um rund ein Prozent würde der Gesamtverbrauch laut Studien gemindert werden.

Wenn der Streckbetrieb notwendig ist, um das Stromnetz zu stabilisieren, kann er im kommenden Winter toleriert werden. Darüber hinaus gehende Laufzeiten, die faktisch einen Ausstieg aus dem Ausstieg bedeuten, sind nicht tolerabel. Erstens aus Sicherheitsgründen, zweitens, weil der so mühsam befriedete Atomkonflikt in der Gesellschaft wieder neu aufbrechen würde und drittens, weil die unflexible Atomkraft schlicht nicht zu dem angestrebten 100-Prozent-Erneuerbaren-Energiesystem passt.

Der Ein-Prozent-Anteil beim Gas könnte leicht zusätzlich weggespart werden, wenn Bundesregierung, Industrie und Verbraucher das Einsparen wirklich konsequent angehen würden. Doch hier hapert es.

Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) setzt zu sehr darauf, dass die Menschen und die Unternehmen den Gasverbrauch schon freiwillig oder wegen der hohen Energiepreise senken. Das wird sicher einiges bewirken, aber es wird nicht reichen.

Die Bundesregierung muss das Einsparen aktiv voranbringen, nicht nur mit Habecks "Energiewechsel"-Werbekampagne. Sie muss zum Beispiel erlauben, dass Zentralheizungen in Mehrfamilienhäusern etwas kälter eingestellt werden dürfen, und sie sollte Bonuszahlungen für Haushalte einführen, die im laufenden Jahr weniger Gas verbrauchen als in den Vorjahren.

Und: Habecks Plan, Gas-Kontingente in der Industrie durch Gasspar-Auktionen freizubekommen, ist zwar gut. Nur: Das hätte schon längst gemacht werden sollen und sollte nun schnell beginnen.

Spanien zeigt, was möglich ist

Spaniens Regierung hat gerade vorgemacht, dass der Staat durchaus aktiv Vorgaben zum Einsparen machen kann. Dort wird zum Beispiel vorgeschrieben: Heizen in öffentlichen Gebäuden, Arbeitsstätten, Hotels nur bis 19 Grad, Kühlen nur bis 27 Grad.

Oder: Beleuchtung von unbenutzten Büros und Schaufenstern nur bis 22 Uhr. Und: Geschäfte müssen Automatiktüren installieren, die je nach Jahreszeit kalte oder warme Luft im Innenraum halten.

Daran sollte die Ampel sich ein Beispiel nehmen. Es gibt solche und unzählige andere Maßnahmen, um die immer noch grassierende Energieverschwendung zu verringern.

Einiges ist sogar kurzfristig umsetzbar, wie ein Tempolimit auf Autobahnen, ein 365-Euro-Jahresticket für den ÖPNV und ein Sofort-Beschleunigungsgesetz für den Windkraft-Ausbau. Anderes wirkt langfristiger, wie ein Booster-Programm für Wärmepumpen zur Hausheizung und ein Wärmedämm-Programm, das die Fördersätze verdoppelt statt sie, wie soeben von der Ampel praktiziert, teils sogar zu kürzen.

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