Sag nicht das Wort Klimaschutz, wenn es keinen Anklang findet. Sprich besser darüber, wie man mit eigener Solaranlage Strom billiger macht oder wie schön ein autofreies Leben ist.
Heutzutage muss Klimaschutz, bitterer Medizin gleich, einem guten Anliegen untergemischt werden, lautet der Rat der PR-Strategen. Dies nahm sich Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) auch zu Herzen.
Als die erste Hitzewelle des Sommers endete, startete Schneider im Juli eine "Initiative für mehr Wasserspeicher und Abkühlung". Dazu präsentierte er den Medien mehrere wasserkühlende Projekte wie unterirdische Zisternen auf Friedhöfen, vernässte Moorwiesen, naturnahen Waldumbau oder Regentonnen für Stadtbäume.
So eine Tonne schmückt den Eingang der Jane-Goodall-Grundschule im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Vom Dach fließt das Wasser nicht mehr direkt auf die Straße und in die Kanalisation, sondern befüllt zunächst eine graue 500-Liter-Tonne. Wer vorbeikommt, kann sich eine Kanne greifen und die zwischen Gehweg und Straße eingezwängten Stadtbäume gießen.
Berliner Bäume gießen als Mitmach-Aktion
Für fünf Schulen hat der Stadtbezirk schon Tonnen eingeplant, einhundert insgesamt sollen einmal Regenwasser auffangen. Eine Tonne soll reichen, um das Wasserdefizit eines mittleren Straßenbaums auszugleichen.
In Berlin leben rund 430.000 Straßenbäume. Nicht alle stehen so versiegelt am Straßenrand wie im dicht besiedelten Friedrichshain-Kreuzberg. Aber jedem Baum eine Wassertonne an die Seite zu stellen, ist unmöglich.
Die Tonne ist denn auch vom Charakter eher eine Mitmach-Aktion. Sie soll den Leuten die Idee nahebringen, dass ein per Wasserverdunstung kühlender Baumbewuchs gegen die Hitze hilft.
Für die Schulen stellen die Tonnen in den Augen des Bezirks einen "interaktiven Lernort" dar, der das Bewusstsein für eine wassersensible Stadt fördert. Alle fünf Schulen verfügen auch über einen Schulgarten, in dem das Regenwasser aus der Tonne ebenfalls genutzt werden soll.
Auch so eine eher kleine Maßnahme könne den Kiez klimaresilienter machen, die Nachbarschaft zusammenführen und den sozialen Zusammenhalt stärken, lobt Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann beim Medientermin. "Bei uns wird es an heißen Sommertagen bis zu elf Grad heißer als im Berliner Umland", sagt die Grüne.
Als Großstadt müsse sich Berlin anpassen, um eine lebenswerte Stadt zu bleiben – zum Beispiel mit mehr grünen Oasen.
Wasser fließt vom Gebäudedach zum Friedhof
Einer Oase kommt das nächste Wasserprojekt des Bezirks an der Landsberger Allee deutlich näher. Vom Neubau eines Jobcenters mit begrünten Dächern fließt überschüssiges Regenwasser in eine unterirdische Zisterne, rund 200 Kubikmeter groß.
Der Bau des unterirdischen Speichers kostete etwas über 400.000 Euro. Dazu kamen die Kosten, um das Wasser auf dem Gebäude einzusammeln und in die Zisterne zu leiten. Die übernahm der öffentliche Bauherr und möchte sie nicht bekanntgemacht haben, erklärt die Bürgermeisterin.
Das rechtlich Besondere an der Wasserauffang-Lösung: Sie ist "grundstücksübergreifend". Das Regenwasser kommt von einem öffentlichen Gebäude und wird auf einem angrenzenden Friedhof zur Bewässerung genutzt.
Die Lösung spart bis zu zwei Drittel des Trinkwassers ein, mit dem der Friedhof bisher bewässert wurde. Droht die Zisterne überzulaufen, lässt man Wasser auch auf einem nahen Stück Wildnis einfach versickern und der Natur ihren Lauf.
Eine Nebenerkenntnis des Projekts: Berliner Friedhöfe verfügen zunehmend über freie Flächen, weil sich die Leute traditionelle Erdbestattungen nicht mehr leisten können oder wollen.
Da entsteht Platz für Naturräume. Entsprechend gepflegt und bewässert können Friedhöfe als echte grüne Oasen das Stadtklima deutlich verbessern. Würde diese ökologische Leistung honoriert, ließe sich für die oft klammen Besitzer der Friedhofsflächen eine neue Einnahmequelle erschließen.
Intakte Moore puffern Starkregen ab
Auf dem Lande in Brandenburg reichen Tonnen und Zisternen als Wasserspeicher nicht aus. Da muss ein Moor her, besser eine Moorlandschaft. Bei Starkregen wirken Moore als Puffer – sie sorgen dafür, dass Wasser in der Landschaft verbleibt, und geben es nur langsam ab, erläutert Nathalie Niederdrenk, die das Referat Moorschutz im Bundesumweltministerium leitet.
Verglichen mit mineralischen Böden weisen intakte nasse Moorböden etwa zehn bis 15 Prozent höhere Verdunstungsleistungen aus. Das bringt gerade in Trocken- und Hitzeperioden lokal spürbare Kühlungseffekte mit sich, teilt das Umweltministerium ergänzend mit.
"Würden wir es schaffen, alle Moorflächen rund um Berlin wieder zu vernässen, würde sich das auch in der großen Stadt bemerkbar machen", prognostiziert Niederdrenk ihrerseits.
Seit 2022 fördert das Umweltministerium bundesweit vier Moor-Pilotprojekte, darunter "Blumo". Die Abkürzung steht für "Brandenburgs Luchgebiete klimaschonend bewahren – Initiierung einer moorerhaltenden Stauhaltung und Bewirtschaftung".
Mit "Blumo" sollen bis Ende 2031 im Rhinluch, auf den Möllmer Seewiesen sowie im Randow- und Welsebruch rund 750 Hektar Moorflächen wiedervernässt werden. Dafür werden elf Millionen Euro Fördermittel ausgegeben.
Grundwasserspiegel steigt auch auf den Äckern
Auf den 60 Hektar der Möllmer Seewiesen bei Oranienburg ist vor drei Jahren begonnen worden, die Wiesen anzustauen. Das sorgt nicht nur für Kühlung. Inzwischen soll der Grundwasserspiegel in der Gegend – und damit auch auf den angrenzenden Äckern – um bereits 30 bis 40 Zentimeter gestiegen sein.
Wegen dieser Folgewirkung fänden die Agrarbetriebe der Gegend die Vernässung sinnvoll, berichtet Nils Fischer, Geschäftsführer einer örtlichen Agrar GmbH, die Eigentümer der Seewiesenfläche ist.
Zur Bewirtschaftung der nunmehr nassen Wiesen hat Fischer 13 Wasserbüffel angeschafft. Die Herde soll auf 35 Tiere wachsen – und ab und zu soll auch eins entnommen werden, um das Fleisch regional nach Berlin zu vermarkten, erklärt Fischer den Medienleuten.
Ist das mit der klimaschonenden Bewirtschaftung von Feuchtgebieten gemeint, im Moordeutsch Paludikultur genannt? Ministeriums-Expertin Niederdrenk lenkt bei der Frage ein: Als Kulturen kämen auch Dauergräser wie Seggenrohrkolben infrage.
Die Paludikultur leidet noch am Henne-Ei-Problem. Um beispielsweise der Verpackungsindustrie ausreichend Pflanzenmaterial für rentable Produktionsmengen zu liefern, gibt es noch nicht genug Paludi-Moore – an denen fehlt es wiederum, weil Landwirte ohne die Einnahmen aus der Bewirtschaftung nicht in die Wiedervernässung einsteigen.
Das Umweltministerium will noch in diesem Jahr eine Förderrichtlinie für Paludikultur auf den Weg bringen. Der wirtschaftliche Ertrag aus Mooren sei ein "entscheidender Punkt", um die Landwirtschaft "auf unsere Seite" zu bekommen, argumentiert Minister Carsten Schneider.
Buchen als natürliche Regentonnen
Neben Mooren können auch naturnahe Wälder das mit dem Klimawandel zunehmende Wasserproblem mildern. Das demonstriert das Bundesumweltministerium den Medien im nördlichen Brandenburg bei der Landeswald-Oberförsterei Reiersdorf.
Dort wird der Kiefernmonowald über Jahrzehnte in einen Laubmischwald verwandelt – ohne dass Bäume gepflanzt oder Zäune um neuen Bewuchs gezogen werden. "Zunächst wollen wir schauen, was uns die Natur anbietet", erklärt Forstbetriebsleiter Dietrich Mehl das Vorgehen.
So ist eine heimische Buche praktisch ihre eigene Regentonne. Über die Blätter sammelt sie das Regenwasser ein, leitet es am Stamm entlang und "gießt" das eigene Wurzelwerk.
Förster Mehl ist fest davon überzeugt, dass so ein Vorgehen sehr viel stabilere Wälder schafft, auch gegenüber dem Klimawandel. Dem Anbau sogenannter wärmeliebender Baumarten steht er skeptisch gegenüber.
So ein Buchen-Laubwald sorgt nicht nur für Abkühlung, er erhöht auch den Grundwasserspiegel im Umland. Dass diese Ökoleistung des Waldes bislang praktisch kostenlos genutzt wird, würden manche Experten gern ändern. So könnten zum Beispiel Agrarbetriebe, die vom Waldumbau profitieren, eine Wasserabgabe zahlen, von der sich wiederum der Waldumbau mitfinanzieren ließe.
Unter haushaltspolitischem Druck
Bisher läuft es traditionell. Für den Waldumbau gibt seit 2022 das Förderprogramm "Klimaangepasstes Waldmanagement". Jährlich 135 Millionen sind da bis 2028 für private und kommunale Waldbesitzer eingeplant und für den Zeitraum auch schon ausgeschöpft.
Um neue Anträge genehmigen zu können, stockt das Umweltministerium jetzt im Rahmen der Wasserspeicher-Abkühlungs-Initiative das Programm um jährlich zehn Millionen Euro auf. Das sei im Bundeshaushalt auch abgestimmt, erklärt der Minister – es ist bisher die einzige reale Mehrausgabe in seiner Initiative.
Stark gefragt ist der natürliche Klimaschutz auch in den Kommunen. Wegen begrenzter Mittel könnten viele Projekte derzeit aber nicht gefördert werden, beklagt das Umweltministerium anlässlich der Initiative. Die Lösung: Haushaltsgelder aus kommenden Jahren sollen vorgezogen und das Volumen des Programms von 178 Millionen auf 385 Millionen Euro erhöht werden.
Wegen der Haushaltskürzungen des Berliner Senats steht das 100-Regentonnen-Programm übrigens infrage. In Zeiten, in denen das Klima nicht mehr so im Fokus stehe, sei es umso wichtiger, darüber zu sprechen, bemerkt Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann.
Gegen zu wenig Klimaschutz helfen auf Dauer eben auch noch so gut gekühlte Wässerchen nicht.
