"Jetzt verstehe ich, wovon du immer redest"

Wir stehen erst am Anfang des globalen Klimawandels. Noch können wir handeln und die immer stärkere Häufung von Extremwetterereignissen bremsen. Zwei Dinge müssen wir unverzüglich anpacken: Katastrophenschutz und Klimaschutz.


Verkehrsschild, dass einen Geh- und Radweg anzeigt, steht im heftig fließenden Wasser.
Flutkatastrophe 2013: Es folgte kein Klima-Turbo, sondern eine fossile Gegenkampagne. (Foto: Hermann Traub/​Wikimedia Commons)

Der Klimawandel ist in Deutschland angekommen. Leider. Idyllische Dörfer wurden über Nacht aus der Welt gespült. Hunderte Menschen verlieren ihre Heimat, ihr Hab und Gut, viele sogar ihr Leben.

Es ist nicht so, als hätte die Wissenschaft nicht gewarnt. Ein Kollege aus Nordrhein-Westfalen, der das Hochwasser leidvoll miterlebt hat, sagte mir am Telefon mit bitterer Stimme: "Jetzt verstehe ich, wovon du immer redest."

Ich hätte mir gewünscht, die Erkenntnis wäre nicht mit solcher Brutalität gekommen. Seit über 40 Jahren legen Klimaforscher:innen eine Studie nach der anderen vor, die alle belegen, dass der Klimawandel menschengemacht ist und immer bedrohlichere Ausmaße annimmt.

Die Erde heizt sich auf. Extreme Wetterereignisse wie Starkregen, Überflutungen, Tornados, Hitze und Dürren nehmen immer weiter zu. Auf dem ganzen Planeten, auch in Deutschland.

Die Folgen sind fatal: All diese Extremwetterereignisse verursachen enorme wirtschaftliche Schäden; selbst wenn keine Menschen dabei sterben.

2002 gab es nach tagelangem Starkregen eine schreckliche Flutkatastrophe in Deutschland, Tschechien und Österreich. Bilanz: 45 Tote und über zehn Milliarden Euro volkswirtschaftlicher Schaden. 2003 verursachte eine extreme Hitzewelle in ganz Europa die Volkswirtschaft einen Schaden in ähnlicher Höhe und kostete sogar zehntausende Menschen das Leben.

Schon damals gab es intensive Diskussionen über Umwelt- und Klimaschutz. Studien untersuchten die ökonomischen Wirkungen des Klimawandels. In den Jahren 2004 bis 2008 haben wir am DIW an die 30 Studienergebnisse und Publikationen dazu veröffentlicht.

Und viele wissenschaftliche Studien auch des IPCC und vor allem der Stern-Report von 2006 bestätigten: Die Kosten des Nichthandelns sind weitaus größer als die Kosten des Handelns.

Porträtaufnahme von Claudia Kemfert.
Foto: Oliver Betke

Claudia Kemfert

leitet den Energie- und Umwelt­bereich am Deutschen Institut für Wirtschafts­forschung (DIW). Seit 2016 ist sie Mitglied im Sach­verständigen­rat für Umwelt­fragen, der die Bundes­regierung berät. In Beiräten und Kommissionen ist sie unter anderem für die EU-Kommission und für Forschungs­institute tätig. Sie ist Heraus­geber­rats­mitglied von Klimareporter°.

Die Politik reagierte. Europa legte die "20-20-20-Ziele" vor: Bis zum Jahr 2020 sollte der Anteil erneuerbarer Energien bei 20 Prozent liegen, die Emissionen um 20 Prozent sinken und die Energieeffizienz um 20 Prozent verbessert werden.

Es entstand jenes berühmte Foto von Kanzlerin Merkel mit Umweltminister Gabriel in roten Jacken vor Grönlands Eisbergen.

Doch 2008 wurde die klimapolitische Aufbruchstimmung abrupt gestoppt. Nach der Finanzkrise musste die Klimapolitik sich "hinten anstellen".

2013 kostete die Flutkatastrophe die deutsche Volkswirtschaft fast 20 Milliarden Euro. Doch statt klimapolitischer Diskussionen dominierten diesmal Fake-News und Desinformationskampagnen der fossilen Industrie die Schlagzeilen.

Warnende Stimmen der Wissenschaft wurden als "aktivistisch" diffamiert. So wurde unnötig Zeit verplempert. Das macht es besonders bitter.

Keine Zeit mehr für Ablenkungsmanöver

Die Katastrophe der letzten Tage war ein Klima-Extremereignis mit Ansage. Die Kosten werden riesig sein. Aber wenigstens diskutieren wir endlich wieder über Ursachen und Wirkung.

Wir stehen erst am Anfang vom globalen Klimawandel. Noch können wir handeln und die immer stärkere Häufung von Extremwetterereignissen bremsen. Damit retten wir Leben und sparen auch noch Geld.

Zwei Dinge müssen wir unverzüglich anpacken: Katastrophenschutz und Klimaschutz.

Katastrophenschutz ist notwendig zur Anpassung an den fortschreitenden Klimawandel. Extreme Klimaereignisse werden wieder passieren. Also benötigen wir ausreichend vorsorgende Maßnahmen gegen Überflutungen, extreme Hitze oder Dürren.

Dafür brauchen wir grünere Städte, die Schatten spenden und Feuchtigkeit aufnehmen, weniger Bodenversiegelung, ausreichende Überflutungsflächen und mehr Deichschutz. Ein weiterer Schlüssel zur Risikovorsorge ist nachhaltige Landwirtschaft.

Und Klimaschutz ist notwendig, damit nicht alles noch viel schlimmer wird. Wir müssen den Super-Turbo einschalten: Die CO2-Emissionen so schnell wie möglich runter auf null, also Energiewende, Verkehrswende, Gebäudewende und Agrarwende. Aber dalli!

Tacheles!

In unserer Kolumne "Tacheles!" kommentieren Mitglieder unseres Herausgeberrates in loser Folge aktuelle politische Ereignisse und gesellschaftliche Entwicklungen.

Wir haben keine Zeit mehr, nicht für Fake-News, nicht für Whataboutism. Weder sollen die anderen zuerst, noch können wir uns das nicht leisten, noch ist es eh zu spät. Es geht alles, wenn man will.

Wir haben kein Erkenntnis-, wir haben nur ein Umsetzungsproblem. Die Zeit ist reif für echten Klimaschutz.

Klimaschutz ist präventiver Katastrophenschutz. Und kluger Klimaschutz schafft soziale Gerechtigkeit. Wir müssen handeln. Sofort.

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