Fromme Wünsche, schnelle Zyklen und der Absteiger des Jahres

Kalenderwoche 50: Der Wirtschaftsminister wünscht sich die deutsche Technologieführerschaft bei E-Mobilität – das wird schwierig, sagt Gero Lücking, Geschäftsführer für Energiewirtschaft beim Ökostrom-Anbieter Lichtblick und Mitherausgeber von Klimareporter°. Aber auch Wünsche von Unternehmen nach Garantien für die Zukunft sind nicht mehr erfüllbar.


Gero Lücking. (Foto: Amac Garbe)

Immer wieder sonntags: Unsere Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Gero Lücking, Geschäftsführer für Energiewirtschaft beim unabhängigen Ökostrom-Anbieter Lichtblick.

Klimareporter°: Herr Lücking, beim Abschluss eines deutsch-bolivianischen Joint Ventures zur Lithiumgewinnung sagte Wirtschaftsminister Altmaier diese Woche: "Deutschland soll ein führender Standort für die Batteriezellfertigung werden." Ist das noch realistisch?

Gero Lücking: Es ist Weihnachtszeit und auch ein Bundeswirtschaftsminister hat Wünsche. Die technologische Entwicklung ist weit fortgeschritten. Andere Nationen und Firmen haben einen Vorsprung von mehreren Jahren.

Ob Deutschland mit anderen Stärken wie beispielsweise seiner Stellung als Wissenschafts- und Hochtechnologiestandort sowie hohem Qualitätsbewusstsein, stabilen sozialen Bedingungen et cetera punkten und damit den Rückstand aufholen kann, bleibt abzuwarten.

Im Klimaschutzindex der Organisation Germanwatch ist Deutschland steil abgerutscht und jetzt nur noch Mittelmaß. Das liegt an den anhaltend hohen Treibhausgasemissionen und dem Einbruch beim Erneuerbaren-Ausbau. Kann Deutschland wieder aufholen?

Zumindest schafft es Deutschland im Ranking der Absteiger des Jahres auf einen der ersten Plätze. Eine zweifelhafte Ehre, im Klimaschutzindex hinter Indien und Rumänien zurückzufallen.

In der Zeit der Jahresrückblicke drängt sich der Vergleich zur Fußball-WM in Russland auf, als Deutschland als Gruppenletzter in der Vorrunde ausschied. In beiden Fällen als Musterschüler und Weltmeister angetreten und dann die Vorreiter- und Favoritenrolle schnell abgegeben. So schnell verändert sich die Welt. So gefährlich ist es, sich auf den Erfolgen der Vergangenheit auszuruhen.

Der Rest der Welt schläft nicht, ganz im Gegenteil. Die Geschwindigkeit und die Power, mit der andere Nationen, Firmen oder auch Sportteams Entwicklungen erkennen, antizipieren und anschließend erfolgreicher weiterentwickeln, ist immens. Rückschläge sind im Fußball sicher verkraftbar – im Klimaschutz sind sie dumm, fahrlässig und gefährden unsere Zukunft.

Beim Klimagipfel in Katowice haben Unternehmen von der Politik klare Ansagen gefordert. "Sie wollen wissen, in welche Richtung es langfristig geht", sagt Nigel Topping von We Mean Business, einer Organisation, die Firmen hilft, sich am Paris-Vertrag auszurichten. Können Unternehmen der Politik im Klimaschutz zuvorkommen?

Das Stichwort heißt Planungssicherheit. Danach sehnen sich ja alle. Oft wird Planungssicherheit dann aber missverstanden. Man fordert Sicherheit, Garantien für getätigte Investitionen. Um das, was man derzeit erfolgreich tut, auch in Zukunft erfolgreich tun zu können. Doch es gibt keine Garantien mehr.

In der Diskussion um den Kohleausstieg fordert beispielsweise RWE einen Freifahrtschein für die Braunkohleverstromung für die nächsten 30 Jahre oder länger – um weiter so wirtschaften zu können wie die letzten hundert Jahre. Doch so wird Zukunft nicht gestaltet. Wenn wir auf Forderungen dieser Art reinfallen, werden wir überholt und abgehängt. Und das inzwischen in viel schnelleren Zyklen und kürzeren Zeitabständen, als wir denken und es uns lieb sein kann.

Insofern kann man nur sagen: Wir haben keine Zeit, Forderungen zu stellen. Die Wirtschaft muss selber handeln.

Es gibt schon heute genug Klarheit in Bezug auf die Rahmenbedingungen der Zukunft. Die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft ist beschlossene Sache. Das Paris-Abkommen definiert die Ziele. Das ist der Rahmen, mehr Planungssicherheit gibt es nicht.

Der BDI hat es mit seiner großen Klimaschutzstudie auf die deutsche Wirtschaft runtergebrochen. Jeder kann es nachlesen und daraus seinen Handlungsrahmen ableiten. Jeder kann sich überlegen, wie er vor diesem Hintergrund sein Geschäft weiterentwickelt, welche Beiträge er leisten will und kann.

Wer glaubt, er könne sein dreckiges Geschäft unverändert in die Zukunft retten, wird scheitern. Wer jetzt auf detailliertere Rahmensetzungen durch die Politik wartet oder gar Garantien für die Zukunft verlangt, hat schon verloren.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Immer mehr Institutionen ziehen sich aus den fossilen Energieträgern zurück. So hat jetzt die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung EBRD angekündigt, keine Bergbau- oder fossilen Kraftwerksprojekte mehr zu fördern. Jetzt steht der Ausbau der erneuerbaren Energien im Fokus.

Die vor allem in Osteuropa aktive Entwicklungsbank bricht damit mit ihrer eigenen Vergangenheit. Ein "Reinigungsprozess" sei eingeleitet. Ein starkes Signal rechtzeitig zur Klimakonferenz in Polen.

Fragen: Friederike Meier

Unterstützen Sie
unabhängigen Journalismus!

Klimareporter wird herausgegeben vom Klimawissen e.V. Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich. 

Spenden Sie hier