Ein Souvenirshop für die Zukunft

Wie weit politisches und wirtschaftliches Handeln von der faktischen Welt, in der wir leben, entfernt ist, zeichnet sich gerade im Hambacher Forst ab. Gut lässt sich dabei imaginieren, wie wir an der Zukunft vorbeiplanen. Am Ende stehen wir in einer Projektion von Natur statt in ihr selbst. Einen Vorgeschmack darauf gibt die Ausstellung "Biopsie".


Vier Schneekugeln stehen auf einem Bord.
Gletscherschmelze in der Schneekugel: "Souvenir of a Souvenir" von Itsthevibe in der Ausstellung "Biopsie". (Foto: Lisa Janke)

"Biopsie" von Artburst Berlin betrachtet mit Experimenten und Spiel Ästhetiken des Klimawandels. Dabei wird kein bestimmtes Thema im Kontext des Klimawandels vertieft, eher ist es ein Rundumschlag, in dem jedes Werk ein Schaufenster in die gegenwärtige Zukunft eröffnet: eine Versuchsanordnung zur Züchtung von Glyphosat-resistentem Unkraut; ein Aquarium, in dem ein Marmorblock langsam von Säure zerfressen wird; Schneekugeln mit Gletscherbildern früher und heute; eine Videoarbeit zu unserer technologisch geprägten Zukunft, in der Natur Projektion ist; eine Soundinstallation mit zwitschernden Vögeln; eine gepflanzte Wiese mit toten Schmetterlingen.

Das Ganze hat mich an einen Souvenirshop für die Zukunft erinnert, in dem Natur als Sehenswürdigkeit, Erinnerungsobjekt oder Reiz unserer Wahrnehmung zu besichtigen und zu kaufen ist. Es lässt sich gut vorstellen, wie wir im Jahr 2100 in solchen Läden stehen und teuer Naturartefakte, Nachbildungen und Projektionen kaufen oder mieten.

Bis hin zum Getränk reicht das Konzept. Zur Eröffnung der Schau konnte man mit Gletscherschmelze anstoßen. Ein ironischer Blick, der einen schmunzeln lässt und politische Entscheidungen reflektiert, die gemacht wurden oder eben nicht.

Auch ein Stück Hambacher Forst könnte bald als Miniwald unter einer Glasglocke in den imaginierten Souvenirläden stehen. Seit über Deutschland das Damoklesschwert möglicher verfehlter Klimaziele hängt, gibt es die Einsicht zum Kohleausstieg. Im Juni wurde die Kohlekommission eingesetzt, um den Ausstieg zu planen.

Doch an dem Stück Wald wird sich bald erweisen, ob das Projekt gelingen kann. Der mehrere hundert Hektar große noch nicht dem Braunkohletagebau zum Opfer gefallene Rest des Hambacher Forstes ist gerade vom Politikum zum symbolischen und faktischen Austragungsort geworden, an dem sich abzeichnet: Wollen wir eine neue oder eine alte Welt? Nehmen wir den Klimawandel und die Klimaziele ernst oder werfen wir endgültig die Flinte ins Korn?

Umweltaktivisten haben den Hambacher Forst vor sechs Jahren besetzt, um ihn zu retten. Der Energiekonzern RWE will im Oktober die Hälfte des restlichen Waldes abholzen, weil es schon lange so geplant und genehmigt ist. Weil der Kohleausstieg erst dann real ist, wenn es keine Kohle mehr gibt oder einen politischen Beschluss. Und weil Kosten, Nutzen und Profit längst berechnet und eingepreist sind.

Und wo steht der Staat? Erst einmal als Polizei irgendwo zwischen Aktivisten und Braunkohlebaggern, mit der Tendenz, sich selbst auf die Bagger zu schwingen. Mit Ach und Krach wurde ein Rodungsstopp bis zum 14. Oktober erzwungen – trotz des absehbaren Ausstiegs aus der Kohle.

Offenbar leben Politik und Wirtschaft in ihren eigenen Welten, in denen zwar eine systeminhärente Logik herrscht, jedoch kein gesunder Menschenverstand. Es reicht nicht, in zehn Jahren nach weiteren Studien und vielen nationalen und internationalen Verhandlungen zum Klimawandel festzustellen, dass der Rest Hambacher Forst nicht hätte gerodet werden dürfen.

Die Kolumnistin

Daniela Schmidtke, Jahrgang 1981, ist Kuratorin, Performancekünstlerin und Kulturmanagerin in Berlin. (Foto: Janine Escher)

Irre, lässt sich da nur sagen – oder eben anstoßen mit dem Longdrink Kettensäge.

Bis zum 14. September ist "Biopsie" im Raum für drastische Maßnahmen in Berlin-Friedrichshain zu sehen

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