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"Ein Gas-Lieferstopp ist nur eine Frage der Zeit"

Um Engpässe beim Erdgas zu vermeiden, müssen wir die Quellen diversifizieren und die Speicher füllen, aber vor allem Gas einsparen und durch Erneuerbare ersetzen, sagt Claudia Kemfert. Die Energieprofessorin über Chancen, die Energiekrise zu bewältigen.


Auf dem Boden liegt ein gelbes Schild, das wie ein Ortsschild aussieht. Oben steht: Zukunft. Unten steht durchgestrichen: Erdgas.
Erdgas hat keine Zukunft mehr, sagt auch Energieökonomin Claudia Kemfert. (Foto: KligK)

Klimareporter°: Frau Kemfert, Bundeswirtschaftsminister Habeck warnt, bei einem Stopp der Gaslieferungen aus Russland drohe eine schwere Wirtschaftskrise – eine Situation schlimmer als in der Corona-Pandemie. Sehen Sie das auch so dramatisch?

Der russische Angriffskrieg verursacht enorme wirtschaftliche Schäden. Die fossilen Preise explodieren. Die Inflation ist hoch. Die Belastungen für Haushalte und Industrie ebenso. Das ist die Quittung für die verschleppte Energiewende.

Wäre der Anteil erneuerbarer Energien höher und wäre der Energieverbrauch geringer, wäre der Preis lange nicht so hoch. Und das ist zugleich die gute Nachricht: Wir haben und hatten es in der Hand, wie dramatisch es werden kann. Je weniger abhängig und erpressbar wir sind, desto geringer die Kosten.

Glauben Sie, dass Putin den Gashahn ganz abdrehen wird? Oder wird er eher eine gewisse Menge weiter liefern, um dank hoher Gaspreise weiter hohe Einnahmen zu erzielen?

Alles ist möglich. Gas ist Putins stärkste Waffe. Allein das Wissen darum lässt schon seit Wochen die Gaspreise steigen. Ein Gas-Lieferstopp ist nur eine Frage der Zeit. Darauf müssen wir uns vorbereiten.

Um Engpässe zu vermeiden, müssen wir das Angebot ausweiten, die Speicher weiter füllen – und vor allem mehr tun, um Gas einzusparen. Nämlich so schnell wie möglich wegkommen von fossilen Energien und so unsere Resilienz dauerhaft stärken. Wir dürfen nicht länger erpressbar sein.

Dass Putin die Lieferungen kürzen würde, war absehbar. Tut die Ampel-Regierung das Richtige, um die Gaslücke zu stopfen?

Ja und nein. Es wurde einiges getan, um von anderen Lieferländern mehr Gas zu bekommen, Gasspeicher zu füllen und die Transparenz über den Gasverbrauch zu erhöhen. Vorübergehend werden wir mehr Kohle statt Gas zur Energieerzeugung nutzen müssen. Das ist richtig.

Aber wir brauchen definitiv keine festen Flüssiggas-Terminals, die uns über 25 Jahre an fossile Gas-Lieferanten binden. Das ist kontraproduktiv, denn es schafft die nächsten "Carbon Lock-ins" und "Stranded Investments". Der wichtigste Hebel, um die Gaslücke zu stopfen, ist der beschleunigte Ausbau erneuerbarer Energien und vor allem das Energiesparen. Sparen, sparen, sparen!

Die deutsche CO2-Bilanz wird durch die stärkere Kohle-Nutzung in Kraftwerken verhagelt, die Emissionen könnten in dem Sektor 2023 um 40 Millionen Tonnen oder 20 Prozent steigen. Das müssen wir akzeptieren?

Leider. Der Preis der verschleppten Energiewende ist enorm hoch, ökonomisch, geopolitisch und vor allem klimapolitisch. Es ist ein Drama. Aber wir können – und müssen – gegensteuern, mit einem Ausbau-Booster-Programm für erneuerbare Energien.

Politiker der Union und auch der FDP wollen aber die drei noch am Netz befindlichen AKW weiterlaufen lassen, um den Strom aus Gaskraftwerken zu ersetzen. Funktioniert das?

Nein. Es ist eine Debatte aus der Mottenkiste. Drei Gründe, warum wir damit keine Zeit verplempern sollten: Erstens sind die Betriebsgenehmigungen für die Atomkraftwerke erloschen, es müsste das Atomgesetz geändert werden. Das dauert.

Zweitens wurde schon vor drei Jahren auf die notwendigen sicherheitstechnischen Prüfungen verzichtet – mit dem Argument, dass die Anlagen nur noch bis Ende 2022 laufen. Für eine Verlängerung wären sie dann mehr als überfällig. Doch solche Prüfungen sind aufwändig und dauern.

Porträtaufnahme von Claudia Kemfert.
Foto: Oliver Betke

Claudia Kemfert

leitet die Energie­abteilung am Deutschen Institut für Wirtschafts­forschung (DIW). Sie ist Professorin für Energie­wirtschaft und Energie­politik an der Universität Lüneburg, außerdem Vize-Vorsitzende des Sach­verständigen­rats für Umwelt­fragen der Bundes­regierung und Heraus­geber­rats­mitglied von Klimareporter°.

 

Und drittens müssten Brennelemente gekauft werden, die wiederum sicherheitstechnisch überprüft werden müssen. Auch das dauert alles. Obendrein haben wir ein Personalproblem. Die Leute wissen seit Jahren, dass ihr Job im Dezember endet. Wer davon ist wirklich noch länger verfügbar?

Angesichts des Aufwands und der Kosten wollen sogar die Betreiber selbst die Anlagen nicht länger laufen lassen. Der Staat müsste enorme finanzielle Unterstützung leisten. Und das alles für sechs Prozent des Stroms? Nein, Aufwand und Ertrag stehen in keinem Verhältnis.

Und wir haben derzeit kein Stromproblem, wir haben ein Wärmeproblem. Deswegen sollte man lieber zackig die erneuerbaren Energien ausbauen, gerade in Bayern. Das ist deutlich billiger und hat eine langfristige Perspektive. Und wenn man will, schafft man schon in sechs Monaten mehr als diese Strommenge.

Was wäre denn die richtige Strategie, um über den Winter zu kommen – und längerfristig ganz weg vom Erdgas?

Versorgungssicherheit erreichen wir kurzfristig über die konsequente Anwendung der Assa-Formel: Ausweichen, speichern, sparen, ausbauen.

Also: Gas aus verschiedenen anderen Ländern beziehen und die Speicher füllen. Kurzfristig Gas einsparen. Es ist absurd, dass wir immer noch Gas-Kraftwärmekopplung fördern. Stattdessen sollten Industriebetriebe und Haushalte Prämien fürs Sparen bekommen. Ab sofort sollten keine neuen Gasheizungen mehr eingebaut werden. Eine Abwrackprämie für alte Gasheizungen wäre ebenso sinnvoll wie ein Wärmepumpen-Sofortprogramm.

Und mit vereinten Kräften und größter Entschlossenheit endlich erneuerbare Energien in Deutschland ausbauen. Erneuerbare Energien müssen auch und gerade in der Industrie zum Einsatz kommen. Existierende Biogasanlagen sollten effektiver genutzt werden. Wir benötigen ein Ausbildungs- und Umschulungsprogramm für Installateure. Nur so beenden wirklich unsere Abhängigkeit vom Gas.

Aber wenn es nun im Herbst hart auf hart kommt, wo sollte am ehesten Gas eingespart werden?

Derzeit reduziert sich der Gasbedarf schon massiv durch die explodierenden Gaspreise. Viele Menschen müssen sparen und können ohne Unterstützung die Heizkostenrechnung nicht mehr bezahlen. Potenziale in der Industrie sollte man marktwirtschaftlich ermitteln, wie es die Regierung auch plant. Mittels Auktionen wird die Industrie sich bewerben können und wird Entschädigungen erhalten.

Bisher sind die Bürger zu Hause in ihrer Wohnung geschützt, gekürzt würden Gaslieferungen an die Industrie. Ist das zu rechtfertigen, wenn dadurch viele Jobs verloren gehen?

Rationierungen sind das allerletzte Mittel. Das sollten und können wir vermeiden, indem wir endlich umfassend vorbeugen. Niemand sollte frieren müssen. Und Betriebe brauchen Unterstützung beim Sparen und beim Umstieg auf Erneuerbare.

Reichen denn Appelle an die Bürger, die Heizung etwas herunterzudrehen? Wie wäre es mit einer Prämie für weniger Gasverbrauch?

Appelle sind gut. Aber Prämien sind besser und wirkungsvoller.

Letzte Frage, wie sparen Sie in dieser Situation persönlich Energie?

Ich lebe schon immer energiesparend, wohne im gedämmten Gebäude, nutze Öko-Energien und sparsame Geräte.

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