Auf die Putin-Bremse treten

Vom autofreien Sonntag bis zum Grad weniger beim Heizen: Deutschland sollte Energie sparen, um klimafreundlicher und unabhängiger von Russlands Energieprodukten zu werden. Die Ampel-Regierung könnte ein Zeichen setzen, indem sie mutige Beschlüsse fasst, damit das Thema nicht Privatsache bleibt.


Menschen laufen auf einer belebten Großstadtstraße .
Laufen statt Autofahren, Heizung ein bisschen runter: Energiesparen hilft dem Klima und bei der Unabhängigkeit von fossilen Importen aus Russland. (Foto: Igor Vitomirov/​Babaroga/​Shutterstock)

Was hilft, um Putins grausame Militärmaschine zu stoppen? Panzerfäuste, Molotow-Cocktails, Diplomatie? Inzwischen ist klar: Es muss möglichst schnell auch die Devisenquelle verstopft werden, die die Maschine hochgerüstet hat und nun am Laufen hält. Es geht um Russlands Energie-Einnahmen, von denen allein 500 Millionen Euro täglich aus den Ländern der EU stammen.

Nicht nur radikale Ökos haben das Energiesparen als Mittel der Wahl entdeckt. Auch die Chefin der EU-Kommission hat die 450 Millionen Bürgerinnen und Bürger in der Europäischen Union dazu aufgerufen, sich am Kampf gegen den Aggressor zu beteiligen.

"Wir können alle dazu beitragen, unabhängiger zu werden von russischem Gas, überhaupt von fossilen Brennstoffen, indem wir Energie sparen. Jede und jeder an seinem Platz kann das tun", sagte Ursula von der Leyen, auch wenn sie keine konkreten Maßnahmen nannte.

Natürlich stimmt das. Es gibt eine ganze Menge Aktionen, die den Verbrauch der fossilen Energien Erdgas, Erdöl und Kohle schnell senken können, die in Deutschland zu einem Drittel bis 55 Prozent aus dem Reich des Despoten in Moskau stammen. Die Heizung ein, zwei Grad runterdrehen, ein Tempolimit 100/80/30, autofreie Sonntage wie in der Ölkrise 1973, Umsteigen vom Auto auf Bus und Bahn, Beibehaltung von Homeoffice, um den Pendlerverkehr zu senken, Verbot von Inlandsflügen.

Es geht nicht um Peanuts. Beispiel: Allein das Absenken der Raumtemperatur von den im EU-Schnitt üblichen 22 auf 21 Grad könnte laut der IEA, der Internationalen Energieagentur, den jährlichen Erdgasverbrauch des Staatenbundes um zehn Milliarden Kubikmeter senken. Das wären immerhin sieben Prozent der Menge, die die EU bisher aus Russland importiert.

Es wäre auch nicht einmal "Frieren für den Frieden", wie manche meinen, um das lächerlich zu machen, sondern allenfalls ein kaum spürbarer Komfortverlust. Zusammen mit den Maßnahmen im Verkehrsbereich und den vielen bisher nur wenig genutzten Möglichkeiten des Stromsparens würde der Energiezustrom aus Russland durchaus spürbar vermindert.

Fossile Energien sind Kriegsenergien

Und es wäre ein zusätzliches Signal nach Moskau. Motto: Wir gehen nicht nur demonstrieren, spenden Geld, bieten Flüchtlingen Unterkunft, sondern geben auch etwas von unserer Bequemlichkeit auf. Autofreie Sonntage in der Autonation Deutschland! Ein Tempolimit im Land der "Freie Fahrt"-Apologeten!

 

Das wäre nun wirklich nicht, im Wortsinne, kriegsentscheidend. Doch ähnlich wie während der ersten Ölkrise wäre es ein Zeichen dafür, dass wirklich neue Zeiten angebrochen sind, in denen der Letzte begreift, dass fossile Energien Kriegsenergien sind und die erneuerbaren nicht nur "Freiheitsenergien" (Christian Lindner, FDP), sondern auch "Friedensenergien".

Die Ampel-Regierung könnte ein Zeichen setzen, indem sie Maßnahmen wie eben Tempolimit, autofreie Sonntage und Inlandsflugverbote beschließt, ergänzt um eine Energiespar-Kampagne, die alle Register zieht.

Anno 1973, als Öl erstmals global als Waffe eingesetzt wurde, damals von der Opec während des Jom-Kippur-Kriegs zwischen arabischen Ländern und Israel, war die Zustimmung in der Bevölkerung zu solchen Maßnahmen groß. Verstöße gab es kaum.

Hinzu käme diesmal, dass Maßnahmen wie das Tempolimit und das Inlandsflugverbot längst überfällig sind, aus Klima- und Sicherheitsgründen. Auch vor dem Ukraine-Krieg waren die Zustimmungsraten hoch.

Stimmen für Importstopp ernst nehmen

Das gesagt, darf man sich trotzdem keinen Illusionen hingeben. Auch wenn hier alle Möglichkeiten aktiviert werden und wir wirklich ein bisschen zu frieren riskieren – mehr als 20, 30 Prozent von Russlands Energielieferungen dürften so nicht wegzusparen sein.

Richtig schmerzhaft wird es für Putin und seine Militärs erst, wenn die EU als Hauptabnehmer und Deutschland als größte Volkswirtschaft der EU sich zu einem kompletten Boykott von Gas, Kohle und Öl aus Russland entscheiden.

Die Rufe danach werden lauter, seitdem die USA sich dazu entschlossen haben. Hierzulande macht nun ein Bündnis pro Importstopp von Promis, Wissenschaftlerinnen und Aktivisten von sich reden.

Die Unterzeichner des Appells räumen ein, dass ein Boykott große Auswirkungen auf unsere Wirtschaft und unseren Alltag hätte – mit Einschränkungen zunächst bei der Industrie und später auch bei Privathaushalten. Doch sie glauben: "All dies sollten uns unsere Freiheit, Sicherheit und das Leben der Menschen in der Ukraine wert sein."

Noch lehnt die Bundesregierung den Boykott ab – aus Sorge um noch höhere Energiepreise, die ärmere Haushalte überfordern, und um einen Wirtschaftsrückgang inklusive Einbrüchen und Jobverlusten etwa in den stark energieabhängigen Branchen Chemie und Stahl.

Das sind zwar gewichtige Argumente. Doch je länger der Krieg dauert und je grausamer er wird, desto größer wird der Druck werden, Putin das Geld trotzdem abzudrehen. Besser Scholz und Co sehen das ein und bereiten ihre Bevölkerung darauf vor.

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