Der Shutdown – ein Reallabor?

Die Coronakrise lässt das öffentliche Leben stillstehen. Was jetzt beginnt, ist eine Art Experiment, ob unsere bewegungsintensive Gesellschaft auch mit weniger Verkehr auskommen kann.


Leere Sitze auf einem U-Bahnsteig
Leere Sitze auf einem U-Bahnsteig. (Foto: Michael Gaida/​Pixabay)

Die Virologen sagen, weil wir den Corona-Virus nicht kennen, müssen wir die Ausbreitung so gut wie möglich verhindern und die sozialen Kontakte auf das absolute Mindestmaß beschränken.

Die medizinischen Autoritäten haben die Politik überzeugt. Wenn unmittelbar Leib und Leben in Gefahr sind, dann wird auf Basis wissenschaftlicher Argumente auch tatsächlich gehandelt.

Viele beklagen, dass die Klimawissenschaften bereits seit Jahren vor den Folgen der Erderwärmung warnen und auch plausible Bedrohungsszenarien darstellen können. Eben nur nicht so unmittelbar und so direkt erfahrbar.

Wir sollten die denkbaren Bedrohungen aber gar nicht erst gegeneinander ausspielen, sondern an uns selbst sowie an unseren sozialen und gesellschaftlichen Strukturen verfolgen, was es bedeutet, eine globale Wirtschaft deutlich abzubremsen und Hochtechnologieländer wie Deutschland praktisch runterzufahren.

Was passiert, wenn das öffentliche Leben stillsteht?

Aus Umweltgründen eine prima Sache. Laut einer Veröffentlichung des Umweltbundesamts aus diesem Monat sind die Emissionen im Verkehrssektor im Jahr 2019 gegenüber dem Vorjahr sogar noch leicht gestiegen und machen knapp 25 Prozent der gesamten Treibhausgase aus.

Können wir die digitalen Möglichkeiten sinnvoll nutzen?

Jetzt stellt sich die höchst relevante Frage, kommen wir auch mit weniger Verkehr aus? Sind wir tatsächlich eine bewegungsintensive Gesellschaft, die auf den direkten persönlichen Kontakt angewiesen ist?

Was passiert mit der gesellschaftlichen Teilhabe, wenn die Menschen sich nicht mehr unmittelbar austauschen können?

Kann das Internet mit seinen vielen, aber eben auch ungefilterten Informationen wirklich das zentrale Medium der Verständigung werden – ohne dass der direkte Austausch und die Erfahrungen des unmittelbaren sozialen Umfeldes als Korrektur wirksam wäre?

Andreas Knie
Foto: Innoz

Andreas Knie

Der Sozialwissenschaftler mit den Schwerpunkten Wissenschaftsforschung, Technikforschung und Mobilitätsforschung lehrt an der TU Berlin und leitet die Forschungsgruppe Wissenschaftspolitik am Wissenschaftszentrum Berlin. Andreas Knie ist Mitglied im Herausgeberrat von Klimareporter°.

Wie robust ist unsere wirtschaftliche Basis, wenn der Verkehr heruntergefahren wird, das öffentliche Leben praktisch nicht mehr stattfindet?

Leiden werden nicht nur die Event- und Veranstaltungsbranchen, die Kultur- und Gastronomiebetriebe. Können Liefer- und Versorgungsketten ohne unmittelbare menschliche Kontakte und mit eingeschränkter räumlicher Ausbreitung funktionieren und Waren und Dienstleistungen wie gewohnt verfügbar machen?

Oder bricht schon nach wenigen Wochen der Notstand aus?

Das gesellschaftliche Reallabor wird dann auch zeigen, ob und wie das mit der Heimarbeit tatsächlich funktioniert. Können wir die digitalen Optionen nutzen, um auch an abgeschiedenen Orten zu arbeiten? Welche Branchen können das überhaupt und lässt sich auf Knopfdruck alles umstellen?

Es ist natürlich ein großer Unterschied, wenn die gewohnte Büroumgebung nicht mehr da ist. Was für die einen ein Segen ist, ist für die anderen ein Fluch.

Ein neuer Blick auf alle Verkehrsmittel

Es wird Fantasie gefragt sein, Kommunikationsfäden nicht abreißen zu lassen und auch über weite Entfernungen ein produktives Klima zu erzeugen. Die Kontrollfetischisten, die es gerade noch in Deutschland in großer Zahl gibt, werden ihre Überwachungstechniken neu austarieren müssen.

Behörden machen es sich jetzt bereits ganz einfach: Termine zur Rentenberatung gibt es online oder telefonisch nicht. O-Ton: Die Behörde ist geschlossen! Kein Verkehr – keine Leistung. Ganz einfach.

Der Selbstversuch wird zeigen, was an Reisen notwendig ist und was davon durch den Einsatz digitaler Medien tatsächlich ersetzt werden kann. Die bislang sehr theoretische Frage, wie viel Inlandsflugreisen wir tatsächlich brauchen, wird nun einem tatsächlichen Stresstest ausgesetzt.

Der einzige Makel an dem Großversuch ist, dass die Vorbehalte gegen öffentliche Verkehrsmittel als Quelle der Ansteckung neuen Auftrieb erhalten werden.

Die ersten Hinweise gibt es schon: Bitte meiden Sie Busse und Bahnen und nutzen Sie das eigene Fahrzeug. Ein schwacher Trost ist, dass Fahrräder nun noch stärker in den Fokus kommen und weiter an Bedeutung gewinnen.

Tacheles!

In unserer Kolumne "Tacheles!" kommentieren Mitglieder unseres Herausgeberrats in loser Folge aktuelle politische Ereignisse und gesellschaftliche Entwicklungen.

Finden wir aber die Zeit und die Kraft, hierüber zu reflektieren, und finden wir das Maß an Diskussion, nicht einfach alles wieder hochzufahren, wenn die Einschränkungen aufgehoben werden?

Denn was ist dann überhaupt noch da? Wie viele Betriebe haben überlebt, wie viel Kultur konnte überwintern?

Wir haben es uns nicht ausgesucht, aber wir sollten beherzt die Krise auch als eine Chance zur Überprüfung unserer eigenen Lebensformen nutzen.

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