Als Helmut Kohl 1992 zum UN-Erdgipfel nach Rio de Janeiro fuhr, hatte er nur wenig Ahnung vom Thema Klimawandel. Aber der damalige CDU-Bundeskanzler verfügte über genug politisches Gespür, um zu wissen: Da muss etwas geschehen.
Ihm war klar, es geht um eine der wichtigsten Menschheitsfragen, und die Industrieländer müssen beim CO2-Sparen vorangehen. Kohl überraschte den Gipfel, als er dort verkündete, Deutschland werde seine Emissionen bis 2005 um 25 Prozent verringern.
Das war eine Sensation, kein anderes Land wollte bereits so weit gehen. Kohl galt damals zu Recht als einer der Antreiber beim internationalen Klimaschutz.
Und nun Friedrich Merz, Kohls Erbe auf dem Kanzler-Posten. Es war ein gutes Signal, dass er am Freitag beim Gipfel vor der Klimakonferenz in Brasilien auftrat und als Vertreter von Europas größter Volkswirtschaft in den Zeiten des fossilen Trumpismus eine Lanze für den internationalen Klimaschutz und die Umsetzung des Paris-Abkommens brach.
Merz betonte, die Welt steuere bereits auf Klima-Kipppunkte zu und alle Länder seien in der Verantwortung, deren Auslösen noch zu verhindern. Und er stellte klar, Deutschland sei als Land mit hohen Emissionen hier besonders gefordert, so wie die anderen Industrieländer.
Das hatte man unlängst noch ganz anders von ihm gehört, als er nämlich bekundete, die Bundesrepublik sei ja nur für zwei Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich, und: "Selbst wenn wir morgen klimaneutral wären, würde keine einzige Naturkatastrophe auf der Welt weniger geschehen."
Merz hat also dazugelernt. Das Problem: In seiner konkreten Politik lässt er es an der Einsicht fehlen. Seine Regierung ist seit Amtsantritt vor allem mit Zugeständnissen an die fossile Lobby aufgefallen.
Sie versucht unter anderem, das Verbrenner-Aus in der EU zu kippen, finanziert Erdgas-Hilfen aus dem Klimafonds, droht den Ökostrom-Ausbau abzubremsen und war treibende Kraft hinter dem Weichspülen der EU-CO2-Ziele für 2035 und 2040.
Und dass der Bundeskanzler in Belém mit einer nur vagen Zusage zu dem wichtigen Regenwaldfonds dessen Initiator Brasilien ziemlich im Regen stehen ließ, passt auch nicht zum neuen Klima-Merz.
Mehr Kohl zu wagen, hätte ihm gut angestanden. Leider hat er das verpasst.

Was er allerdings gesagt hat, bedarf einer kritischen Würdigung:
„Wir setzen auf Innovation und auf Technologie, um eben dem Klimawandel erfolgreich Einhalt zu gebieten. Unsere Wirtschaft ist nicht das Problem, unsere Wirtschaft ist der Schlüssel, um unser Klima noch besser zu schützen.“
Innovation und Technologie sind schöne Schlagwörter für Wirtschaftsgläubige, die auch an permanentes Wachstum glauben. Ohne Technologie wird es sicherlich nicht gehen, allerdings wird es auch nicht nur damit gehen. Wenn sich das Konsumverhalten in den Industrieländern nicht grundlegend ändert, kann Klimaschutz nicht funktionieren.