Der Corona-Rollback

Wenn die Corona-Krise eins lehrt: Bei großen, die gesamte Gesellschaft bedrohenden Gefahren kann die Politik radikale Maßnahmen ergreifen. Warum soll das ausgerechnet bei der Klimakrise nicht auch gelten?


Rauchende Schornsteine vor rotem Abendhimmel.
Nach der Corona-Krise sollen die Schornsteine gleich wieder rauchen. (Foto: Jürgen PM/Pixabay)

Die Corona-Krise eskaliert. Schulen und Kitas sind zu, Grenzen werden dichtgemacht, der Flugverkehr ist halbiert, das öffentliche Leben steht still – Gottesdienst, Parteitag und Party, alles gestrichen.

Wir stehen vor einer Weltwirtschaftskrise wie nach der Lehman-Pleite vor gut einem Jahrzehnt. Da erscheint es zynisch überhaupt zu fragen, ob die Pandemie auch gute Nebenwirkungen hat. Doch die gibt es tatsächlich.

Die globalen Treibhausgas-Emissionen werden nach Expertenschätzung in diesem Jahr erstmals seit 2008 wieder sinken. Die Atemluft ist in vielen Ländern, allen voran China, deutlich besser geworden, was das Risiko für Herz- und Kreislaufkrankheiten senkt.

Im Reich der Mitte, wo Covid-19 sich zuerst des öffentlichen Lebens bemächtigte, sind die CO2-Emissionen im Februar um ein sattes Viertel zurückgegangen. Es wird weniger Kohle verbrannt, weil die Industrieproduktion abgestürzt ist, und es gibt viel weniger Verkehr.

Absolut rund 200 Millionen Tonnen CO2 werden dadurch weniger in die Atmosphäre gepustet, haben Klimaforscher kalkuliert. In anderen Ländern mit hohen Corona-Fallzahlen dürfen die Emissionen vergleichbar sinken.

Die Internationale Energieagentur IEA hat schon vor einer Woche vorausgesagt, dass der globale Ölverbrauch in diesem Jahr um 0,7 Prozent zurückgehen dürfte. Und der weltweite Flugverkehr lag im Februar bereits um 4,3 Prozent niedriger – dabei waren die Flugpläne im letzten Monat noch längst nicht so radikal zusammengestrichen.

Ökonomische Aufholjagd schon in Planung

Das ist in der Tat gut fürs Klima. Aber der Preis, den dafür die Wirtschaft und die Gesellschaft insgesamt zahlen, ist – keine Frage – eindeutig zu hoch. Kein Umweltschützer, der ernst genommenen werden will, kann einen solchen ökonomischen Absturz als probates Mittel befürworten, um die Klimakrise einzudämmen.

Die Erfahrungen aus der Weltwirtschaftskrise 2008 zeigen denn auch, dass die Erholung fürs Klima nur eine kurzfristige war.

Damals setzten die Regierungen alles daran, die Schornsteine (und Auspuffe) im wahrsten Sinne des Wortes wieder rauchen zu lassen. China legte ein gigantisches Konjunkturprogramm auf, und Deutschland steckte Milliarden in eine Abwrackprämie, um die Autoindustrie vor der Pleite zu retten. Die verkaufte auch fleißig Millionen fossiler Verbrenner.

Ein Jahr nach der großen Krise 2008/2009 hatte die Wirtschaft wieder Fuß gefasst, und die globalen energiebedingten CO2-Emissionen folgten wieder dem alten Aufwärtstrend. 2019 erreichten sie den Rekordwert von weltweit 37 Milliarden Tonnen.

Diesmal droht dasselbe Spiel. Chinas Staatschef Xi Jinping hat bereits angekündigt, dass das Land die Konjunktur wieder kräftig anschieben will, um die Produktionsrückstände aufzuholen.

Energieexperten befürchten: Das könnte dem Klima sogar noch stärker einheizen, falls China dafür die Kohleproduktion hochfährt und Umweltstandards senkt. Das Land ist mit Abstand globaler Klima-Einheizer Nummer eins, entsprechend gravierend wären die Folgen.

Deutschland vor dem Klima-Rollback

Aber auch hierzulande droht ein klimapolitischer Rollback. Die Corona-Krise hat bereits dazu geführt, dass in der vorigen Woche die längst überfälligen Entscheidungen von Bund und Ländern zur Reanimation der Energiewende ergebnislos vertagt wurden.

Der für die deutschen CO2-Ziele dringend notwendige Zubau bei Wind- und Solarenergie droht damit nicht nur eine Delle zu bekommen – längerfristig könnte er abstürzen. Und es ist auch nicht ausgeschlossen, dass die Bundesregierung die Instrumente von 2008 wieder auspackt, wenn sich zum Beispiel die Abwärtskurve bei der Autoindustrie beschleunigt.

Eine neue Pkw-Abwrackprämie aber, die neben den gerade erst erhöhten E-Auto-Prämien nun auch wieder Verbrenner fördern würde, wäre klimapolitisch höchst kontraproduktiv. Der Verkehrssektor muss nach den eigenen Vorgaben der Bundesregierung bis 2030 gewaltig beim CO2-Sparen zulegen, und ein neuer Verbrenner-Boom wäre das Ende davon.

Das heißt im Umkehrschluss: Alle Maßnahmen zur Konjunkturstützung, die neben Krediten, Kurzarbeitergeld und anderen Überlebenshilfen für Unternehmen nötig werden könnten, müssen auch an ihren Klima- und Umweltfolgen gemessen und entsprechend gestaltet werden.

Wissenschaftliche Maßstäbe auch für die Klimakrise

Geld muss in einen "Green Deal" fließen, etwa für nachhaltige Produkte und Produktion, erneuerbare Energien, Energieeffizienz und klimafreundliche strukturelle Veränderungen, statt in ein ökonomisches Strohfeuer, das die Klimakrise weiter anheizt.

Ein Beispiel, das die Richtung zeigt: In vielen Unternehmen ist es plötzlich möglich, von Dienstreisen auf Videokonferenzen und von Pendlerfahrten auf Homeoffice umzusteigen. Diese Entlastung für den Verkehr auch für die Zeit nach Corona zu fördern, ist überfällig.

Bundeskanzlerin Merkel hat zu Corona gesagt: "Die Maßstäbe unseres politischen Handelns ergeben sich aus dem, was uns Wissenschaftler und Experten sagen." Das gilt, mit Verlaub, noch viel mehr auch für die Klimakrise, deren Folgen, wenn sie nicht schnell entschärft wird, um Größenordnungen gravierender sein werden.

Die Warnungen der Wissenschaftler sind eindringlich genug. Corona hat gezeigt, zu welch radikalen Maßnahmen die Politik in der Lage ist, wenn eine Gefahr erkannt wurde. Diese Ernsthaftigkeit braucht es endlich auch beim Klima.

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