Barrieren für Erneuerbare, kostbarer Wasserstoff und 2020 als Tipping Point

Kalenderwoche 39: Dank Fridays for Future kann dieses Jahr zum Wendepunkt für mehr Klimaschutz werden, sagt Claudia Kemfert, Professorin für Energiewirtschaft, Chefin des Energie- und Umweltbereichs am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW und Mitglied des Herausgeberrates von Klimareporter°. Der Entwurf für das neue EEG sei nicht so schlimm geworden wie befürchtet, aber dennoch ungenügend.


Foto: Stanislav Jenis

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrats erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Claudia Kemfert, Professorin für Energiewirtschaft und Chefin des Energie- und Umweltbereichs am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW.

Klimareporter°: Frau Kemfert, am Mittwoch hat das Bundeskabinett den Gesetzentwurf zur
EEG-Novelle verabschiedet. Die Erneuerbaren-Branche ist trotz einiger kurzfristiger Änderungen unzufrieden und hofft auf Nachbesserungen durchs Parlament. Ist der Entwurf tatsächlich so ungenügend oder können Sie ihm auch etwas Gutes abgewinnen?

Claudia Kemfert: Die Novelle ist weniger schlimm als befürchtet, aber trotzdem nicht gut genug. Gut an der Novelle ist, dass man finanzielle Beteiligungsmodelle vorsehen und Genehmigungsverfahren für Erneuerbaren-Projekte erleichtern will. Das ist überfällig. Zudem hat man endlich im Blick, dass man im Süden einen Zubau von Ökostrom benötigt.

Aber die Rahmenbedingungen schaffen immer noch zu viele Barrieren, insgesamt wird man so weder die Energiewende- noch die Klimaziele erreichen. Die Ausbauziele für die erneuerbaren Energien sind zu niedrig – es droht eine Ökostromlücke.

Es ist auch unrealistisch, von einem sinkenden Stromverbrauch auszugehen, da Ökostrom für die Mobilität und die Gebäudeenergie gebraucht wird, was zu einem steigenden Stromverbrauch führen wird.

Die Regierung träumt ja vom Wasserstoff als dem neuen Öl, das würde den Stromverbrauch nahezu explodieren lassen! Nur wenn man konsequent den Ökostrom direkt nutzt, statt ihn ineffizient umzuwandeln, und zudem alles dafür tut, Energie einzusparen, wird man den Primärenergieverbrauch insgesamt senken können.

Die Friedrich-Ebert-Stiftung schlägt vor, die Besondere Ausgleichsregelung, mit der vor allem energieintensive Unternehmen bei der EEG-Umlage entlastet werden, zu reformieren und mehr Unternehmen an der Umlage zu beteiligen. Was ist davon zu halten?

Der Vorschlag ist gut und richtig. Durch die Gewährung von umfangreichen Ausnahmen für die Unternehmen steigt die EEG-Umlage für alle anderen, gerade auch für Privathaushalte, unverhältnismäßig stark an. Es ist höchste Zeit, dass man dies korrigiert und vor allem jene Unternehmen belohnt, die Energie einsparen und möglichst effizient wirtschaften.

Ob das tatsächlich passieren wird, ist allerdings fraglich. Es gibt immer noch zu viele Kräfte, die lieber Unternehmen helfen als privaten Haushalten.

Das Unternehmen Enapter will Wasserstoff auch fürs Eigenheim nutzbar machen, vor allem in abgelegenen Regionen oder zur Wärmeerzeugung. Wo ist die Anwendung von Wasserstoff noch sinnvoll?

Grüner Wasserstoff ist kostbar, muss mit Ökostrom aufwendig hergestellt werden und hat hohe Umwandlungsverluste. Und weil er so kostbar ist, sollte er nur da eingesetzt werden, wo es keine direkte elektrische Alternative gibt, zum Beispiel als Treibstoff für Schiffe oder Flugzeuge oder in der Schwerindustrie.

Wasserstoff im Gebäudebereich einzusetzen ist absolute Verschwendung. Gerade in diesem Sektor sollte das Energiesparen im Vordergrund stehen – durch energetische Gebäudesanierung. Zudem ist die dezentrale Produktion von Ökostrom mittels Solarenergie samt Heimspeicher oder Wärmepumpen effizient.

Am Freitag hat Fridays for Future wieder weltweit gestreikt. FFF-Aktivistin Helena Marschall nannte den anhaltenden klimapolitischen Stillstand als Grund, trotz Pandemie auf die Straße zu gehen. Haben die Proteste der Vergangenheit die Politik noch nicht ausreichend wachgerüttelt?

Fridays for Future muss ja weiter demonstrieren, weil man in puncto Klimaschutz noch nicht so weit ist, wie man sein müsste. Die Jugend macht zu Recht Druck, damit die Emissionen endlich schnell und dauerhaft sinken.

Deutschland hat hier eine Schlüsselrolle. Zum einen müssen die Emissionen im eigenen Land sinken, zum anderen hat Deutschland im Rahmen seiner EU-Präsidentschaft gerade die Aufgabe, die Ziele des europäischen Green Deal zu verfestigen. Deutschland kann ein wichtiges Vorbild sein und durch gezielte Umsetzung der EU-Strategie die erneuerbaren Energien und jegliche klimaschonenden Technologien zum Kassenschlager werden lassen.

Fossile Energien haben ausgedient. Ein ungebremster Klimawandel birgt enorme wirtschaftliche Risiken, Klimaschutz bringt enorme wirtschaftliche Chancen.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Immer wieder positiv überraschend ist die gesamte For-Future-Bewegung, besonders die Jugend, die einen globalen Klimastreik auf die Beine stellt und die so beherzt für ihre Zukunft kämpft. Das Momentum für den Wandel ist da. 2020 kann trotz aller Schwierigkeiten zum Tipping Point für mehr Klimaschutz werden. Dank der For-Future-Bewegung.

Fragen: Sandra Kirchner

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