Absurde Preise, eingeschränkter Wettbewerb und ein Vorschlag für den Wirtschaftsminister

Kalenderwoche 6: Das Thema CO2-Bepreisung scheint an Bundeswirtschaftsminister Altmaier abzuprallen, sagt Gero Lücking, Geschäftsführer für Energiewirtschaft beim Ökostrom-Anbieter Lichtblick und Mitglied des Kuratoriums von Klimareporter°. Dabei wäre es eine gute industriepolitische Initiative, die viele Unterstützer findet.


Gero Lücking. (Foto: Amac Garbe)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Kuratoriums erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Gero Lücking, Geschäftsführer für Energiewirtschaft beim unabhängigen Ökostrom-Anbieter Lichtblick.

Klimareporter°: Herr Lücking, Baden-Württembergs grüner Umweltminister Franz Untersteller hat vorgeschlagen, einen CO2-Preis einzuführen und dafür die EEG-Umlage abzuschaffen. Eine gute Idee?

Gero Lücking: Die Debatte um eine CO2-Bepreisung wurde ja letztes Jahr durch Bundesumweltministerin Schulze angestoßen. Sie scheint aber an Bundeswirtschaftsminister Altmaier abzuprallen. Jetzt erhöht der grüne Umweltminister aus Baden-Württemberg mit seinem Vorschlag den Druck. Ob das Modell reichen würde, die EEG-Umlage vollständig überflüssig zu machen, sei mal dahingestellt.

Aber es ist ja wirklich absurd, dass klimaschonendes Handeln heute oftmals teurer ist und zu finanziellen Nachteilen führt. Egal, ob sich ein Häuslebauer für eine mit Ökostrom betriebene elektrische Wärmepumpe entscheidet, ob man ein mit Ökostrom betriebenes Elektroauto fährt oder einfach Ökostrom bezieht, immer kommt es die Verbraucher teurer als die Gastherme, der Dieselstinker oder der Braunkohlestrom. Das ist absurd.

Das kann auch ein CDU-Minister verstehen. Um das Prinzip der Subventionierung des fossilen Wirtschaftens einmal umzudrehen, wäre ein CO2-Preis das geeignete Instrument. Das wäre eine schöne industriepolitische Initiative, die dem Bundeswirtschaftsminister gut zu Gesicht stünde. Er hätte viele Unterstützer.

In einem wissenschaftlichen Experiment haben 100 Berliner Haushalte versucht, ein Jahr lang klimaneutral zu leben. Ergebnis: Trotz einiger Erfolge ist es schwer, als Einzelner viel zu verändern. Wie kann es die Politik den Menschen leichter machen?

Es war eine interessante Abschlussveranstaltung letzte Woche in Berlin, auf der drei der Beteiligten über ihre Erfahrungen berichteten. Es gibt viele interessante Erkenntnisse, ich würde sie so zusammenfassen:

Nicht die exakte Höhe des eigenen CO2-Ausstoßes und dessen Entwicklung nach oben oder unten ist entscheidend, sondern das wachsende Gefühl der Verantwortung und das genaue, ehrliche Hingucken auf das eigene Verhalten. Größenordnungen einzelner Bereiche und die Verhältnisse zueinander werden deutlich. Was nutzt das penible Ausschalten von Flur- oder Treppenhausbeleuchtungen, wenn man am Wochenende eine Städtereise mit dem Flugzeug antritt? Jede Flugreise ist Gift für das Klima und verhagelt jede noch so schöne private Klimabilanz auf einen Schlag.

Ein wichtiger Faktor im Alltag ist auch die Zeit. Denn nicht immer hat man Muße und ausreichend Zeit, das eigene Handeln zu optimieren. Es gilt die richtige Balance zu finden. Das gilt auch für die Kommunikation. Denn der erhobene Zeigefinger in der eigenen Familie oder bei Freunden und Bekannten bewirkt möglicherweise das Gegenteil von dem, was eigentlich erreicht werden soll.

Und dann bleibt das große Feld der politischen Rahmenbedingungen. Warum sind Flugreisen so günstig? Warum gibt es keine Transportsteuern, die verhindern, dass der Apfel aus Brandenburg teurer ist als der aus Neuseeland?

Womit wir wieder bei der CO2-Besteuerung wären. Wenn CO2 keinen Preis erhält, wird die Atmosphäre weiterhin als Müllkippe missbraucht. Die Politik könnte sich mehr trauen, denn es gibt weit mehr Haushalte, die klimafreundlich leben wollen, als die einhundert Haushalte in diesem Modellversuch!

Ein Vorschlag zum Thema Zeit war auf der Veranstaltung, sich verschiedener Helfer und "unsichtbarer Hände" zu bedienen. Also den optimierten Geräten die effiziente Nutzung des eingesetzten Stroms zu überlassen, dem Ökostromanbieter den Einkauf des erneuerbar erzeugten Stroms und den Geldinstituten die Lösung des Problems der klimafreundlichen Geldanlage.

Den unvermeidbaren Rest an CO2-Ausstoß kann man dann über Ausgleichsportale wie Myclimate oder Atmosfair kompensieren. Auch hier sitzen Experten, die sich um die Projekte kümmern, um diese Restemissionen auszugleichen. Sie zu nutzen, geht per Dauerauftrag mit drei Mausklicks im Internet.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Die kritische Auseinandersetzung mit den Folgen des Zusammenschlusses von RWE und Eon kommt langsam in Gang. Das ist dringend notwendig. Denn dieser Zusammenschluss wird die Energiemärkte grundlegend und massiv verändern.

Egal wo wir dabei hinschauen, der Wettbewerb wird massiv eingeschränkt werden. Nach der vertikalen kommt jetzt die horizontale Aufteilung der Märkte. Und über die gegenseitige Überkreuzbeteiligung von Eon und RWE bekommen wir im Ergebnis einen integrierten Konzern mit zwei Namen. Jetzt sind die Wettbewerbshüter am Zuge, den Deal zu untersagen.

Fragen: Friederike Meier

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