Sonnenuntergang am Ende einer mehrspurigen, von Gebäuden gesäumten Hauptstraße voller Autos.
Hitzewellen und anderes Extremwetter werden gerade in Europa die Wirtschaft empfindlich treffen. (Foto: Zhang Yang/​Shutterstock)

Die Klimaerwärmung schädigt die Weltwirtschaft. Das zeigte der Wirtschafts-Nobelpreisträger William Nordhaus bereits in den 1990er Jahren in seinen bahnbrechenden Modellberechnungen zu diesem Thema. Doch offenbar wurden die ökonomischen Verluste durch die Erwärmung bisher unterschätzt.

Eine aktuelle Untersuchung zeigt nun: Ohne durchgreifende Klimapolitik wird die globale Wirtschaftsleistung im Jahr 2100 um sieben bis 14 Prozent niedriger sein, als sonst zu erwarten ist.

In Ländern in den Tropen können es sogar mehr als 20 Prozent sein. Dabei sind die Folgen von zunehmenden Wetterextremen noch gar nicht eingerechnet.

Der Pariser Klimavertrag gibt als "Leitplanke" für die globale Erwärmung in diesem Jahrhundert maximal 1,5 bis zwei Grad vor. Derzeit steuert die Weltgemeinschaft hingegen auf drei bis vier Grad zu.

Wenn die rund 200 Saaten der Welt ihre nationalen Klimapläne nicht drastisch verschärfen, werden die Produktionsleistung und der Wohlstand in aller Welt voraussichtlich deutlich stärker beeinträchtigt, als es durch bisherige Modellstudien beziffert wurde. Das zeigt die neue Studie, die vom Mercator Research Institute for Global Commons and Climate Change (MCC) in Berlin und dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) erarbeitet wurde.

Die bisher bekannteste Untersuchung zum Thema ist der 2006 veröffentlichte "Stern-Report" des britischen Ökonomen Nicholas Stern. Darin werden die ökonomischen Kosten des Klimawandels für das Jahr 2100 mit fünf Prozent der globalen Wirtschaftsleistung angegeben.

Laut der neuen Studie liegt der Wert im Schnitt tatsächlich etwa doppelt so hoch. Erschienen ist die Untersuchung jetzt in der renommierten Fachzeitschrift Journal of Environmental Economics and Management.

Ökonomische Klimaschäden regional aufgeschlüsselt

Bisher wurden die Klimaschäden für die Wirtschaft meist summarisch für die Ebene der Nationalstaaten berechnet. Die Forscher von MCC und PIK hingegen schauten genauer hin. Sie entwickelten einen umfangreichen Datensatz, der zeigt, wie sich der Klimawandel in den Regionen auswirkt – also zum Beispiel in den US-Bundesstaaten, in chinesischen Provinzen oder französischen Départements.

"Wir haben die empirischen Daten von 1.500 Regionen in 77 Ländern der Erde zugrunde gelegt", erläutert MCC-Forscher Matthias Kalkuhl im Gespräch mit Klimareporter°. Dadurch würden die tatsächlichen Folgen viel genauer abgebildet als durch nationale Mittelwerte. Die genutzten Daten reichen laut den Experten für einige Regionen in den Industriestaaten bis zu rund 100 Jahre zurück. Schlechter ist die Datenlage hingegen für weite Teile Afrikas.

Kalkuhl betont, dass die Schäden auf dem Globus sehr unterschiedlich verteilt seien. Heute bereits arme Regionen würden am meisten unter der anhaltenden Erwärmung leiden, darunter vor allem tropische Länder, während einige Regionen ganz im Norden sogar davon profitieren könnten – darunter Nordost-Sibirien und Nordkanada dank höherer Agrarproduktion.

"In Europa gibt es keine Gewinner", sagt der Ökonomieprofessor, "am größten sind die Schäden hier in Ländern, in denen es heute schon heiß ist, vor allem am Mittelmeer."

Studien-Mitautorin Leonie Wenz vom PIK erläutert: "Klimaschäden treffen unsere Unternehmen und Arbeitsplätze, nicht nur Eisbären und Korallenriffe."

Als Beispiele nennt sie: Steigende Temperaturen führen in vielen Regionen zu niedrigeren Ernten, senken die Arbeitsproduktivität, besonders in der Bauindustrie oder der Landwirtschaft, und bedeuten zusätzliche Belastungen und damit Kosten für die Infrastruktur, weil zum Beispiel Rechenzentren stärker gekühlt werden müssen.

Studie rechnet sehr konservativ

Dabei ist der Ansatz der Studie ist eher konservativ, will sagen: Er unterschätzt die tatsächlichen Schäden. Es werden nämlich nur die unmittelbaren Folgen des Temperaturanstiegs betrachtet, nicht die Folgen von mehr oder stärkeren Extremwetterereignissen oder des Meeresspiegelanstiegs. Es sei schwierig, diese seriös genau zu quantifizieren, meinen die Autoren.

Und noch etwas kommt hinzu, wie Wenz erläutert: "Wir beziffern nur ökonomische Schäden. Außen vor bleibt auch, dass der Klimawandel Ökosysteme zerstört, die Biodiversität vermindert und die Wahrscheinlichkeit von gewaltsamen Konflikten erhöht."

Trotzdem dürfte die neue Studie die politische Debatte neu befeuern, in welcher Höhe die Staaten den Ausstoß von CO2 bepreisen und auf diesem Wege marktwirtschaftlich reduzieren sollten. Das Forscherteam ermittelte in einem weiteren Schritt, wie viel Schaden von einer einzelnen ausgestoßenen Tonne CO2 ausgeht, der in Zukunft von der Allgemeinheit zu tragen ist ("social cost of carbon").

Dazu modifizierte es das von Nobelpreisträger Nordhaus entwickelte und seither weithin genutzte Klima-Ökonomie-Modell DICE. Ergebnis: Pro Tonne, die im Jahr 2020 emittiert wird, entstehen wirtschaftliche Schäden in Höhe von 76 bis 148 Euro, im Mittel also 112 Euro.

Eine von der Weltbank und dem IWF unterstützen Kommission zum CO2-Preis hatte 2017 rund 100 Dollar (85 Euro) pro Tonne gefordert, das deutsche Umweltbundesamt (UBA) errechnete sogar Schäden von 180 Euro.

"Damit wären die Zahlen dreimal so hoch"

Das UBA verwendet sogenanntes "Equity Weighting", bei dem die Klimaschäden in ärmeren Ländern noch einmal stärker gewichtet werden. Damit wird die problematische Nord-Süd-Verteilungswirkung des Klimawandels berücksichtigt.

"Das haben wir in unserer Studie nicht gemacht, weil bei uns die empirische Erfassung der Klimaschäden im Vordergrund stand", erläutert Kalkuhl. "Mit einem solchen Korrekturfaktor würden unsere Zahlen aber in etwa dreimal so hoch ausfallen."

Die aktuell erhobenen CO2-Preise liegen deutlich niedriger. Der Preis im EU-Emissionshandel, der für Kraftwerke, Industrie und Flugverkehr gilt, schwankt derzeit zwischen 20 und 30 Euro pro Tonne, und der in der Bundesrepublik geplante nationale CO2-Preis etwa für Heizenergie und Sprit beginnt 2021 mit 25 Euro und steigt bis 55 Euro im Jahr 2025.

"Nach dem Verursacherprinzip müssten diese Preise deutlich nach oben angepasst werden", fordert Kalkuhl.

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