Afrika Benin
Nicht überall, aber an vielen Orten ist Aufforstung möglich und sinnvoll: Setzlinge in einer Baumschule in Benin. (Foto: Susanne Götze)

Selbst für geübte Klimaschützer klang die Nachricht fast sensationell. In einer Pressemitteilung der ETH Zürich wird behauptet, dass die Wiederaufforstung von Wäldern das Potenzial habe, zwei Drittel der bisherigen menschengemachten Kohlendioxid-Emissionen rückgängig zu machen. Das beruht allerdings auf einem Denkfehler – was viele Medien nicht hinderte, die Zahl zu übernehmen.

Die von ETH-Forschern durchgeführte Studie versucht abzuschätzen, welchen Beitrag die Wiederaufforstung von Bäumen zum Klimaschutz leisten könnte. Die Untersuchung, die am Freitag in der Fachzeitschrift Science veröffentlicht wurde, kommt zum Ergebnis, dass sich etwa 200 Milliarden Tonnen Kohlenstoff in wiederaufgeforsteten Wäldern speichern lassen, wenn man das weltweite Potenzial voll ausschöpft.

Das entspricht rund 740 Milliarden Tonnen CO2, weil das CO2-Molekül 3,7-mal schwerer ist als das C-Atom.

Die bisherigen menschengemachten Kohlendioxid-Emissionen in die Atmosphäre belaufen sich, umgerechnet in reinen Kohlenstoff, auf etwa 300 Milliarden Tonnen. Beim Vergleich dieser beiden Zahlen kommt man daher zum enormen Sparpotenzial von zwei Dritteln.

Doch die Zahlen lassen sich nicht direkt vergleichen. Kohlendioxid-Emissionen werden zum Teil durch natürliche Prozesse gepuffert, und die zivilisatorischen Emissionen – 640 Milliarden Tonnen Kohlenstoff waren es seit 1850 – landen letztendlich nur etwa zur Hälfte in der Atmosphäre. Ein Teil der Treibhausgase wird durch die Meere aufgenommen und auch andere natürliche Systeme funktionieren als Speicher.

Umgekehrt führt dieser Prozess aber dazu, dass beim Entfernen von Emissionen aus der Atmosphäre Meere und andere natürliche Systeme wieder Kohlendioxid freigeben. Insgesamt bedeutet das, dass die Entfernung von 200 Milliarden Tonnen Kohlenstoff aus der Atmosphäre nur zu einer CO2-Reduktion von etwa 100 Milliarden Tonnen führen würde.

Auf den Fehler haben mehrere Wissenschaftler auf Twitter hingewiesen, etwa Pep Canadell vom Global Carbon Project und Zeke Hausfather von der Universität Berkeley und dem Klimaportal Carbon Brief. Andere Forscher äußerten Kritik in weiteren Punkten. Auch dabei ging es um zu starke Vereinfachungen und nicht berücksichtigte Zusammenhänge.

Dass Pressemitteilungen von Universitäten zu Fehldarstellungen führen, ist durchaus ein bekanntes Phänomen. Im Jahr 2014 untersuchte eine Studie im British Medical Journal fehlerhafte Darstellungen und Übertreibungen in Medienberichten zu medizinischen Studien und stellte fest, dass viele davon ihren Ursprung in den Pressemitteilungen von Universitäten hatten. Die Ergebnisse wurden später in einer weiteren Studie bestätigt.

Fast eine Milliarde Hektar für neue Bäume

Doch trotz der übertriebenen Darstellung des Klimaschutzes durch Bäume: Die Ergebnisse der Studie sind vielversprechend und auch die Kritiker sind sich einig, dass Wiederaufforstung einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung der Klimakrise leisten kann.

Die Prognose in der Studie beruht auf Satellitenbildern, mit denen die Autoren versuchen, das Potenzial für Baumpflanzungen abzuschätzen. Dabei kommen sie darauf, dass auf der Erde 4,4 Milliarden Hektar theoretisch mit Wäldern bedeckt werden könnten – das entspricht der gesamten Fläche Asiens. Davon sind 2,8 Milliarden Hektar bereits heute Wälder.

Weiterhin haben die Autoren berücksichtigt, welche Flächen bereits von Menschen genutzt werden, etwa für Landwirtschaft oder Siedlungen, und diese abgezogen.

Es sollen also keine bisher schon genutzten Flächen in Anspruch genommen werden, denn ein häufiger Kritikpunkt an Wiederaufforstung ist, dass es zur Flächenkonkurrenz vor allem mit der Nahrungsmittelproduktion kommen könnte. Trotzdem kommen die Autoren auf "freie" 900 Millionen Hektar, die mit Bäumen bepflanzt werden können, eine Fläche so groß wie Australien.

Beim Potenzial für die Kohlenstoffspeicherung berücksichtigten die Autoren auch, dass Bäume je nach vorhandenem Klima unterschiedlich gut Kohlenstoff speichern können. Das höchste Potenzial gibt es hierbei in den Tropen.

Die Studienautoren weisen darauf hin, dass ihre Studie nichts darüber aussagt, wem die entsprechenden Flächen gehören. Ebenso lässt die Untersuchung außen vor, wie praktikabel eine Bepflanzung aller Flächen wäre. Die größten Potenziale befinden sich in Russland, gefolgt von den USA, Kanada, Australien, Brasilien und China – allein die damit verbundenen politischen Fragen dürften nicht ganz einfach zu lösen sein.

Ein weiteres Problem: Bäume nehmen Kohlenstoff nur langsam auf. Damit sie ihr volles Potenzial entfalten, dauert es 50 bis 100 Jahre. Daher ist es auch wichtig, wie schnell entsprechende Wiederaufforstungsprogramme starten.

Denn der Klimawandel selbst könnte das Potenzial begrenzen. Die Autoren schätzen anhand von Klimamodellen, dass sich bei einem weiteren ungebremsten Klimawandel das Flächenpotenzial bis 2050 um mehr als 200 Millionen Hektar verringert.

Negativemissionen sind in jedem Fall notwendig

Als Ersatz für Emissionsreduktion sollten Wiederaufforstungsmaßnahmen auf keinen Fall gesehen werden. Schon jetzt sehen die meisten Szenarien des Weltklimarates IPCC, bei denen die Erderwärmung auf 1,5 oder zwei Grad begrenzt wird, sogenannte Negativemissionen vor – es muss der Atmosphäre also wieder Kohlendioxid entzogen werden.

Die Wiederaufforstung ist dabei die realistischste Option. Andere Möglichkeiten, etwa Bioenergie mit unterirdischer CO2-Speicherung (BECCS – Bio Energy with Carbon Capture and Storage) oder auch die direkte Entfernung von Kohlendioxid aus der Atmosphäre gibt es bisher nur in wenigen Testanlagen.

Auf einen zusätzlichen Aspekt hat am Wochenende die Umweltorganisation Robin Wood hingewiesen: Solange die illegale Abholzung der Wälder von Brasilien bis Rumänien nicht gestoppt wird, werden Aufforstungen zu einer Sisyphusarbeit.

Ergänzung am 17. Juli: Der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf erläutert in seinem Blog den Rechenfehler sowie einige weitere Mängel, die die Studie nach seiner Ansicht aufweist.

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